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Düsseldorf
Saudis und Mullahs ringen um Macht

Düsseldorf. Der Arabische Frühling wird immer mehr zum Schauplatz eines Kampfes zwischen Sunniten und Schiiten um die Vorherrschaft in der Region. Während der Iran dem syrischen Verbündeten bei der Unterdrückung der Proteste hilft, fördert Saudi-Arabien mit Milliarden die Konterrevolution. Von Matthias Beermann

Die türkischen Zöllner bewiesen Spürsinn, als sie im März eine Frachtmaschine durchsuchten, die auf dem Weg vom Iran nach Syrien im kurdischen Diyarbakir zwischengelandet war. An Bord sollten Autoersatzteile sein, doch die Beamten stießen auf Maschinengewehre samt Munition sowie Mörsergranaten. Das steht in einem bisher unter Verschluss gehaltenen Bericht an den UN-Sicherheitsrat, dessen Inhalt in Diplomatenkreisen zirkuliert. Überrascht hat er niemand: Dass der Iran seinen einzigen arabischen Verbündeten Syrien bei der Unterdrückung der Protestbewegung unterstützt, scheint offensichtlich.

Demnach ließen die Mullahs dem bedrängten Regime von Baschir al Assad Polizei- und Militärausrüstung zukommen, außerdem Technik zur Überwachung des Internets. Auch Berater aus den Reihen der berüchtigten Revolutionsgardisten sollen sich in Syrien aufhalten. Das ebenso brutale wie koordinierte Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte gegen die Oppositionsbewegung trägt ihre Handschrift. Bei der Repression kommt dieselbe Taktik zum Einsatz, mit der das iranische Regime im Sommer 2009 die Protestbewegung in Teheran erfolgreich niedergeschlagen hatte: Das Internet, über das sich die Demonstranten zu organisieren versuchen, wird lahmgelegt, Telefon- und Mobilfunknetze gekappt, manchmal sogar der Strom.

Für Teheran ist Syrien zum entscheidenden Schlachtfeld im Ringen um die Vorherrschaft in der Region geworden. Fällt das Regime von Diktator Assad, verlieren die Mullahs einen wichtigen Brückenkopf im Kampf gegen den Erzfeind Israel. Über Syrien versorgt der Iran die Schiiten-Miliz Hisbollah mit Waffen und Geld. In Damaskus hat außerdem das Politbüro der im Gazastreifen herrschenden radikal-islamischen Hamas Unterschlupf gefunden. Nur mit syrischer Duldung konnte Teheran diese anti-israelischen Organisationen sowie diverse Splittergruppen bisher steuern.

Für den Iran steht aber noch mehr auf dem Spiel als nur das Überleben eines wichtigen Verbündeten. Längst ist der "arabische Frühling", die Protestbewegung in zahlreichen Ländern der Region, zum Schauplatz eines erbitterten Ringens zwischen Schiiten und Sunniten geworden. Zwar ist Teheran mit dem Versuch gescheitert, die arabischen Revolutionen ideologisch für sich zu vereinnahmen. Gewissen Erfolg hatten die Iraner jedoch bei dem Versuch, Keile in den seit 30 Jahren gegen sie verbündeten sunnitischen Block zu treiben. So hat sich Ägypten seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak dem Iran angenähert. In Teheran hofft man, dass die beiden Länder die seit 1979 unterbrochenen diplomatischen Beziehungen bald wieder aufnehmen könnten.

Die Reaktion auf die Offensive der Mullahs ließ nicht lange auf sich warten. Insbesondere Saudi-Arabien, das sich traditionell als Schutzmacht der Sunniten versteht, macht Front gegen den schiitischen Rivalen. Weil Teheran sich um Einfluss auf die Protestbewegungen in den sunnitischen Ländern der Region bemüht, unterstützen die Saudis umso entschlossener die Konterrevolution – die Reformwelle soll gestoppt werden. Ins benachbarte Scheichtum Bahrain entsandte Riad Truppen, um den vor allem von der schiitischen Minderheit getragenen Aufstand niederzuschlagen. Meistens aber setzen die Saudis ihre wichtigste Waffe ein: Milliarden von Petrodollars.

Mitte Mai wurde die Gründung eines Hilfsfonds für Bahrain und den benachbarten Golfstaat Oman bekanntgegeben: Insgesamt 20 Milliarden Dollar stehen zur Verfügung, um Jobs zu schaffen, Häuser und Straßen zu bauen. Zwei Wochen später bekam dann auch Ägypten vier Milliarden Dollar Finanzhilfe zugesagt. Die Großzügigkeit der Saudis, so glaubt der britische Sicherheitsforscher David Roberts, ist ein Köder: "Es zeigt auch anderen Regierungen, was es für sie zu holen gibt."

Kurz zuvor hatte Riad bereits einen anderen Schachzug gemacht: Der Golfkooperationsrat, den die Ölmonarchien vor 30 Jahren aus Furcht vor Saddam Husseins Machtanspruch in der Region gegründet hatten, soll um Jordanien und Marokko erweitert werden. Beiden Ländern winken für ihre Mitgliedschaft ebenfalls Milliardenzuwendungen. Das Ziel scheint klar: Die Saudis wollen alle sunnitischen Monarchien in einem reaktionären Club vereinigen – gegen den demokratischen Reformprozess und vor allem gegen die befürchtete schiitische Expansion.

Quelle: RP
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