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Bundeswehr seit Juli 1999 gewarnt: Scharping unter Druck

zuletzt aktualisiert: 07.01.2001 - 19:00

Berlin (AP). Die Bundeswehr und die anderen Bündnisarmeen sind bereits zu Beginn des Kosovo-Einsatzes im Juli 1999 von der NATO vor den möglichen Gefahren der Uran-Munition gewarnt und zu entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. Das geht aus einem internen Schreiben des Bundesverteidigungsministeriums hervor, aus dem die "Berliner Morgenpost" (Montagausgabe) zitiert und dessen Existenz am Sonntag von einem Sprecher des Ministeriums in Berlin bestätigt wurde.

Die Bundeswehr hat den Angaben zufolge seinerzeit sofort reagiert. Eindeutige Befehle für das Verhalten bei radioaktiv verseuchten Gebieten und von Uran-Munition zerstörten Zielen seien erteilt worden, hieß es. Unterdessen geriet Verteidigungsminister Rudolf Scharping nach dem Bekanntwerden der Leukämie-Erkrankung eines in Bosnien eingesetzten ehemaligen Zeitsoldaten der Bundeswehr unter Druck. Aus der SPD wurde die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss laut, und der FDP-Politiker Jürgen Koppelin warf dem Minister Verschleierung und Abwiegelung vor.

Das Bundesverteidigungsministerium hatte allerdings auch bis Sonntag keinen Anhaltspunkt für einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem Einsatz des Soldaten.

Scharping will dem Verteidigungsausschuss des Bundestages am 17. Januar Rede und Antwort stehen. Der "Bild"-Zeitung (Montagausgabe) sagte der Minister, er sehe keine Gefahr durch den Einsatz amerikanischer Uran-Munition auf dem Balkan. Er sei im übrigen für völlige Offenheit: "Alle Fakten sollen auf den Tisch - aber bitte Tatsachen." Zur Leukämie-Erkrankung des deutschen Soldaten sagte Scharping, dieser habe mit urangehärteter Munition "wohl nichts zu tun" gehabt. Wenn die behandelnden Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbunden seien, sei eine vollständige Nachprüfung möglich. Zugleich schloss der SPD-Politiker aus, dass die Bundeswehr Uran-Munition habe: "Das ist Unsinn! Und besser wäre es, niemand hätte diese Munition."

Bei dem Betroffenen handelt es sich um einen 25-Jährigen aus Uelzen, wie die "Bild"-Zeitung berichtete. Er sei zwischen August und November 1997 in Mostar im Einsatz gewesen. Im Januar 1998 sei er an Leukämie erkrankt. Der junge Mann wurde ein halbes Jahr in Oldenburg behandelt und gilt heute als geheilt.

SPD-Politikerin spricht von Kriegsverbrechen

Der Ministeriumssprecher verwies darauf, dass die Bundeswehr auf dem Balkan bislang rund 50.000 Soldaten im Einsatz hatte. Nach der rein statistischen Wahrscheinlichkeit befänden sich unter ihnen zwischen sechs und zehn Personen, die im Laufe ihres Lebens an Leukämie erkranken könnten.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Margot von Renesse nannte den Einsatz uranhaltiger Munition ein Kriegsverbrechen und verlangte die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses des Bundestags. Möglicherweise sei das auch ein Fall für einen Internationalen Gerichtshof, schrieb Renesse in "Bild am Sonntag". Geklärt werden müsse die Frage, wer in der Bundesregierung von der Verwendung dieser Munition gewusst habe.

Koppelin forderte Scharping auf, endlich Klarheit zu schaffen und alle Fakten auf den Tisch zu legen. Alle betroffenen Soldaten müssten die Möglichkeit zu kostenlosen und umfassenden medizinischen Untersuchungen haben. Die ungeklärten Krankheits- und Todesfälle dürften nicht länger mit Sprachlosigkeit und Standardfloskeln beantwortet werden.

Quelle: RPO Archiv

 
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