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Düsseldorf
Schlechte Noten für Ganztagsschulen

Düsseldorf. Eine neue Bertelsmann-Studie sieht in NRW großen Nachholbedarf an Grundschulen mit gebundenem Ganztag. Bei der Lernzeit steht das Land im bundesweiten Vergleich an letzter Stelle. Von Detlev Hüwel

Bildungsexperten halten das Angebot in NRW an Grundschulen mit einem gebundenen, also für alle Schüler verpflichtenden Ganztagsbetrieb für völlig unzureichend. Landesweit besuchten nur 3360 Kinder (Stand Schuljahr 2014/15) diese Schulform. Das seien lediglich 0,5 Prozent, so der Bildungsfachmann der Bertelsmann-Stiftung, Dirk Zorn, zu unserer Redaktion. Demgegenüber liege die Quote in Bremen bei 28,8 und in Sachsen bei 29,7 Prozent. Im Bundesdurchschnitt seien es sechs Prozent.

Zorn ist zusammen mit dem Bildungsforscher Klaus Klemm Autor einer Bertelsmann-Studie über den bundesdeutschen "Flickenteppich Ganztagsschule", die gestern vorgestellt wurde. Demnach gibt es bei den Schulen mit Ganztagsunterricht je nach Bundesland große Unterschiede. Während NRW laut Zorn bei den Grundschulen mit gebundenem Ganztagsunterricht Nachholbedarf habe, stehe das Land bei den weiterführenden Schulen mit gebundenem Ganztag besser da: Mit einem Schüleranteil von 28,5 Prozent liege NRW deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 17,7 Prozent. "Hier hat das Land konsequent auf den gebundenen Ganztag gesetzt", sagt Zorn. Das gelte insbesondere für Gesamtschulen und Gymnasien. In NRW besucht etwa jeder vierte Gymnasiast ein Ganztagsgymnasium (bundesweit 18,2 Prozent). Und alle Gesamtschulen sowie fast alle Sekundarschulen arbeiten im Ganztag.

Doch schlechte Noten gibt es auch für die Lernzeit an den NRW-Ganztagsschulen. Das ist die Zeit, die Kindern und Jugendlichen in den Schulen jenseits des Unterrichts zur Verfügung steht. Sie beträgt laut Bertelsmann-Studie an den Ganztagsgymnasien lediglich 3,9 Stunden pro Woche und 4,6 Stunden an den Gesamtschulen. Damit, so Zorn, finde sich NRW im Ländervergleich an unterster Stelle wieder. Der Grund seien die Öffnungszeiten dieser Schulen. NRW orientiere sich lediglich an den von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgegebenen Mindestwerten, wonach eine Schule mit gebundenem Ganztag an wenigstens drei Tagen Unterricht mit mindestens je sieben Zeitstunden anbieten muss. Andere Länder seien zu vier Tagen mit je acht Stunden oder mehr übergegangen. Am ambitioniertesten sei das Land Hessen, das fünf Tage mit 8,5 Stunden anbiete - allerdings vorerst nur an wenigen Schulen.

Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sagte, NRW habe beim Ganztag klare Erfolge vorzuweisen: Vier von zehn Schülern nutzten inzwischen ein Ganztagsangebot. Sie kritisierte, dass die Studie nicht berücksichtige, dass die Ganztagsangebote der Schulen vielfach über das festgeschriebene Mindestmaß hinausgingen. Zudem seien in NRW 90 Prozent der Grundschulen Offene Ganztagsschulen (OGS). Die Zahl der Plätze steige im kommenden Schuljahr auf 305.100; das seien 30.000 Plätze mehr als im laufenden Schuljahr. Damit stünden für fast 45 Prozent aller Kinder im Grundschulalter Ganztagsplätze bereit. Zorn lässt das aber nicht gelten: "Offene Ganztagsschulen dienen eher der Betreuung der Kinder; für individuelle Förderung ist der gebundene Ganztag weitaus geeigneter."

Nach Ansicht des CDU-Bildungspolitikers Klaus Kaiser stellt die Bertelsmann-Studie der Regierung ein schlechtes Zeugnis aus: "Bei der Ganztagsbetreuung hinkt NRW den anderen Bundesländern weit hinterher." Yvonne Gebauer (FDP) sagte, die Untersuchung zeige, wie wichtig Qualitätsstandards für den Ganztag seien. "Umso unverständlicher ist, dass Rot-Grün gerade vor zwei Wochen diese Forderung abgelehnt hat."

Quelle: RP
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