Neonazis provozieren Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald: "Schmierereien haben wir hier oft"
zuletzt aktualisiert: 10.05.2000 - 10:32Buchenwald (AP). "Schmierereien, die haben wir hier relativ oft", sagt die Sprecherin der Gedenkstätte Buchenwald, Ursula Härtl. Seit Jahren müssen sich die Mitarbeiter auf dem Ettersberg bei Weimar mit gezielten Provokationen von Neonazis, aber auch mit Unkenntnis, Gedankenlosigkeit und blindwütiger Zerstörung auseinander setzen. Da war die Figur des Kindes am Buchenwalddenkmal angesägt oder ein mit Steinen beladener Karren umgestoßen worden. Ein 16-Jähriger aus Brandenburg hatte am Krematorium uriniert, im Gästebuch waren Sätze zu lesen wie "Hängt dem Adolf Hitler den Nobelpreis um!" oder "Das geschah den Juden recht!"
Nachdem am Gründonnerstag Rechtsextremisten im Alter zwischen 17 und 18 Jahren einen Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge versuchten, wird in der Öffentlichkeit immer häufiger die Frage gestellt, was in jungen Menschen wohl vorgehen mag, die zu derartigen Taten fähig sind, und warum sie so geworden sind.
"Diejenigen, die das weltbekannte Denkmal von Fritz Cremer beschädigt hatten, waren keine verwahrlosten Jugendlichen", meint Härtl. Nach ihrer Ansicht sind es auch in den seltensten Fällen junge Menschen, die wegen Freiheitsbestrebungen von zu Hause weggehen. "Es sind zumeist Leute, die sich einbilden, sie müssten etwas verteidigen gegen Ausländer, gegen jüdische Einwanderer, gegen das Andersartige in jeder Form. Und was sie zu verteidigen meinen, sind immer diese bescheidenen Werte: eine Arbeit, eine Lehrstelle, vielleicht auch das kleine Häuschen mit Garten. Es ist im Grunde der Ausdruck einer Alternativlosigkeit und mangelnden Jugendkultur."
Bezeichnend dafür ist zum Beispiel ein Eintrag im Gästebuch der Gedenkstätte aus dem Jahr 1998: "Das KZ; eine sinnvolle Einrichtung, die auch heute wieder nötig wäre, wenn man bedenkt, was all die Asylanten und Ausländer für Schaden anrichten. Sieg Heil!" Andere Besucher haben diese Bemerkung mit Kommentaren versehen wie "Kranker Mitläufer!" oder "Hoffentlich stehst Du mit deiner Meinung alleine da!"
750.000 Besucher 1999
Im vergangenen Jahr kamen rund 750.000 Menschen auf den Ettersberg. Nur eine sehr geringe Zahl davon hat sich die Gedenkstätte Buchenwald für Provokationen ausgesucht. Härtl sieht im Wesentlichen drei Gruppen von Besuchern aus der rechtsextremen Szene. Da seien zunächst die Salonfähigen, die Etablierten, die in Schlips und Kragen kämen und Buchenwald als einen Ort besuchten, mit dem sie sich identifizierten, etwa in dem Sinn: So hat es der Führer gemacht und so ist es eigentlich nicht schlecht gewesen.
Dann gibt es nach Ansicht der Gedenkstätten-Sprecherin die "ganz normalen Kleinbürger", die meinten, dass die Gesellschaft nicht in Ordnung sei und dass man vielleicht doch manchmal ein Lager brauchte: für herumlungernde Autonome, für bunt gekleidete Jugendliche, für so genannte Arbeitsscheue, die Passanten um eine Mark anbettelten. Dieses Denken, es müsste mal wieder einer kommen, der für Ordnung sorge, sei latent vermutlich stärker verbreitet, als man gemeinhin annehme.
Am stärksten in Erscheinung tritt aber eine dritte Gruppe, wie Härtl erläutert. Es seien zumeist Jugendliche, die aus Imponiergehabe, aber auch aus einer gewissen Suche nach Lebensinhalten so weit rechts außen landeten. Sie benähmen sich auffällig, trügen mitunter Bomberjacke und den entsprechenden Haarschnitt, kritzelten schnell mal ein Hakenkreuz ins Besucherbuch oder schrieben "Sieg Heil!", um sich damit vor ihren Mitschülern zu brüsten. Diese Gruppe könne man am besten durchschauen, meint Härtl. "Gelegentlich erwischt man sie, und dann sitzen sie wie ein Häufchen Unglück vor den Polizeibeamten und heulen bittere Tränen, und eine völlig bestürzte Lehrerin sitzt dabei."
Im KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar kamen zwischen 1937 und 1945 rund 56.000 Menschen ums Leben, darunter mindestens 11.000 Juden. Insgesamt hatten die deutschen Nationalsozialisten dort rund 263.000 Menschen aus mehr als 30 Ländern inhaftiert, vor allem Russen, Polen und Franzosen.
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