Zahlreiche Verletzte / Eskalation erwartet: Schwere Zusammenstöße in Palästinensergebieten
zuletzt aktualisiert: 14.05.2000 - 16:54Jerusalem/Gaza (dpa). Bei neuen schweren Zusammenstößen zwischen demonstrierenden Palästinensern und der israelischen Armee im Gazastreifen und im Westjordanland sind am Sonntag wieder zahlreiche Palästinenser verletzt worden. Palästinensische Politiker in Gaza kündigten eine Ausweitung der Proteste in den kommenden Tagen an. Die Demonstranten wollen mit ihren Aktionen die Freilassung Hunderter palästinensischer Gefangener aus israelischen Gefängnissen erreichen, die sich seit zwei Wochen im Hungerstreik befinden.
Eine Eskalation der Unruhen wird in den kommenden Tagen erwartet. Am Montag begehen die Palästinenser den "Nakba"-Tag (Tag der großen Katastrophe) in Erinnerung an die Vertreibung und Flucht mehrerer hunderttausend Palästinenser nach der Staatsgründung Israels 1948. Alle Geschäfte und Ämter in den Palästinensergebieten werden aus diesem Anlass geschlossen bleiben.
Bereits am Sonntag marschierten etwa 1 000 Demonstranten durch die Straßen von Ramallah. Einige von ihnen feuerten Gewehrsalven in die Luft. Das nächste Wochenende wurde von der palästinensischen Regierung zu "Tagen des Zorns" (days of anger) erklärt.
Bei den schweren Zusammenstößen in nahezu allen größeren Städten der Palästinenser-Gebiete waren in den vergangenen Tagen nach palästinensischen Angaben etwa 100 Demonstranten und mehrere israelische Soldaten verletzt worden. Am Sonntag brachen sie erneut bei Netzarim, einer jüdischen Siedlung im Gazastreifen, aus. Sie weiteten sich später auf Ramallah im Westjordanland aus, als bekannt wurde, dass sich Unterhändler beider Seiten am Sonntag wieder nicht in der strittigen Frage der Entlassung einiger hundert in Israel gefangen gehaltener Palästinenser hatten einigen können. Etwa 1 500 palästinensische Häftlinge in israelischen Gefängnissen setzten inzwischen ihren seit zwei Wochen andauernden Hungerstreik fort.
Die meisten der verletzten Palästinenser wurden nach Angaben aus Gaza von israelischen Hartgummigeschossen getroffen. Die Demonstranten bewarfen die Soldaten mit Steinen und Molotowcocktails. Im Gazastreifen wurde ein zwölfjähriger Junge durch ein Gummimantel- Geschoss schwer verletzt.
Israelische und palästinensische Unterhändler hatten sich zuvor bei einem Treffen in Jerusalem nicht auf die bereits grundsätzlich vereinbarte Entlassung palästinensischer Häftlinge einigen können. Der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erekat bestand auf der Entlassung von 230 Häftlingen.
Der israelische Unterhändler Arie Schiftman weigerte sich jedoch "eine Entscheidung unter Druck" zu treffen. Sufian Abu Saida, Direktor des Ministeriums für Zivilverwaltung in Gaza, kündigte die Fortsetzung der Konfrontationen an, solange seine gefangenen Landsleute im Hungerstreik seien.
Der Stabschef von Palästinenser-Präsident Jassir Arafat meinte am Sonntag, der plötzliche Ausbruch der Gewalt sei Ausdruck des Misstrauens gegenüber den Israelis. "Wie können wir mit den Israelis Frieden schließen, wenn die Menschen, die für diesen Frieden verantwortlich sind, hinter israelischen Gittern sitzen?" meinte Tajeb Abdel Rahim im palästinensischen Rundfunk.
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