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Istanbul
Sechs Tote bei erneutem Anschlag in der Türkei

Istanbul. Die Türkei wird weiter von Gewalt erschüttert. Mutmaßliche PKK-Kämpfer griffen im Südosten des Landes eine Polizeistation an. Von Thomas Seibert

Kurz nach dem islamistischen Selbstmordanschlag in Istanbul wird die Türkei von einer neuen Welle der Gewalt erschüttert. In der Nacht zu gestern erreichten die seit Monaten anhaltenden Gefechte im Kurdengebiet mit einem Angriff der PKK-Rebellen auf eine Polizeistation und ein Polizisten-Wohnheim einen neuen Höhepunkt. Bei dem Angriff in Cinar in der Nähe der Großstadt Diyarbakir starben sechs Menschen, darunter zwei Kleinkinder von fünf und zwölf Monaten sowie ein fünfjähriger Junge. Der Vorfall könnte die Massenflucht aus dem Kurdengebiet beschleunigen. Fast 100.000 Menschen haben die Gegend bereits verlassen. Hoffnung auf ein baldiges Ende der Gewalt gibt es nicht, auch weil der Konflikt eng mit der Situation im benachbarten Syrien zusammenhängt.

In Cinar zündeten PKK-Rebellen zunächst eine Autobombe und eröffneten anschließend das Feuer auf die Polizeigebäude. Nach Medienberichten starben die Kinder in dem Wohnheim, das durch die Explosion schwer beschädigt wurde. Auch in Diyarbakir selbst brachen gestern neue Kämpfe aus.

Seit Monaten liefern sich türkische Sicherheitskräfte und Kämpfer der PKK mitten in dicht besiedelten Stadtvierteln schwere Gefechte. Die PKK hat im Kurdengebiet einseitig autonome Zonen ausgerufen, die sie mit Gräben und Barrikaden gegen den türkischen Staat durchzusetzen versucht. Ankara antwortet mit Ausgehverboten und Gewalt.

Einer der Gründe für die Eskalation liegt jenseits der türkischen Grenze in Syrien. Dort hat der PKK-Ableger PYD vier "Kantone" gebildet, zu denen auch das vor einem Jahr gegen eine Belagerung des Islamischen Staats (IS) verteidigte Kobane gehört. Von der irakischen Grenze im Osten bis zum Euphrat im Westen reicht die kurdische Zone inzwischen; hinzu kommt noch eine kurdische Enklave. Ermuntert durch diese Erfolge in Syrien, versuche die PKK nun, die Kantonslösung auf türkisches Gebiet zu übertragen, schrieb der angesehene Kolumnist Murat Yetkin in der "Hürriyet Daily News".

Im Zusammenhang mit dem Anschlag in Istanbul hat die Polizei derweil sieben Verdächtige festgenommen. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren, sagte Innenminister Efkan Ala. Die Türkei identifizierte den Angreifer als Mitglied der radikalislamischen IS-Miliz, der von Syrien aus als Flüchtling getarnt ins Land gekommen sei. Basis dafür ist nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière ein Personaldokument. Ob dieses dem Mann auch gehöre, sei aber "noch Gegenstand der Aufklärung", sagte de Maizière in der ARD. Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen sagte, er wisse noch nicht, ob tatsächlich der IS hinter dem Anschlag stehe. Aber manches spreche dafür. Der IS selbst hat bislang nicht die Verantwortung für den Anschlag übernommen.

Die türkische Armee hat dennoch bereits einen Gegenschlag eingeleitet: Nach Regierungsangaben wurden IS-Stellungen im Irak und in Syrien angegriffen. Dabei seien 200 IS-Anhänger getötet worden, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu.

Nach einem Bericht des "Spiegel" hat die Bundesanwaltschaft entschieden, die Obduktionen der zehn deutschen Terroropfer in Deutschland vornehmen zu lassen. Es sei geplant, die sterblichen Überreste heute oder morgen aus der Türkei abzuholen. In Deutschland sollen sie mit einer schlichten Trauerzeremonie empfangen werden.

Quelle: RP
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