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Berlin
Seehofers krisenfester Kronprinz

Berlin. Besonnen und entschieden begleitete Innenminister Joachim Herrmann die Bayern durch die Erschütterungen der Anschläge. Von Gregor Mayntz

Einer wie Joachim Herrmann, der steht, wenn es drauf ankommt. Wenn Bluttaten Bayern erschüttern, die sozialen Netzwerke Panik verbreiten, dann gibt es klare, zügige Ansagen vom bayerischen Innenminister, unaufgeregte Einordnungen und die klare Botschaft: Keine Sorge, wir haben die Lage im Griff, und nun fangen wir gleich damit an, dass sich das nicht wiederholt. Ein Bier, das der Minister ganz ruhig, ganz friedlich am Ort des Anschlages trinkt, sagt mehr als Tausend Appelle, sich von den Terroristen sein Leben nicht kaputt machen zu lassen. Einer wie er steht zur Verfügung, wenn es darauf ankommt. Also auch als Nachfolger von Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer? Bei den Christsozialen gibt es nach den Herrmann-Festspielen im Umfeld der jüngsten Anschläge zumindest eine neue Variante in der Personaldebatte: "Je eher, desto Herrmann."

Doch einer wie Herrmann drängt sich auch nicht auf. Im Gegenteil: Anfang März 2011 gibt es für ihn die einzigartige Chance, das bundesweite Aushängeschild der CSU zu werden. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten, Kanzlerin Angela Merkel will Innenminister Thomas de Maizière die Scherben bei der Bundeswehr zusammenkehren lassen, bietet der CSU im Tausch das Innenressort. Ein Traumjob für die CSU, die ihre größte Kompetenz bei der inneren Sicherheit sieht. Die Chance seines Lebens für Herrmann, den Parteichef Seehofer als Ersten fragt. Es reizt ihn. Aber er sagt ab. Er habe mit seiner Frau telefoniert und wolle lieber nicht nach Berlin.

Seehofer ist stinksauer. "Jetzt ruft mir keiner mehr zu Hause an", donnert er - und zwingt Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich ins Bundeskabinett. Herrmann bleibt in Bayern, schafft es jedoch, auch ohne Bundesministerium bundesweit zur Marke zu werden. Wann immer eine Aussage gebraucht wird, die Augenmaß und zugleich ein Mehr an Law and Order verspricht, ist Herrmann auf dem Markt. Sozusagen Friedensrichter und Sheriff in einer Person.

Das hängt vor allem mit seinem Auftreten zusammen. Würde er seine Vorschläge mit keifender, sich überschlagender Stimme in die Kameras bellen, die Abwehrfront der inszenierten Liberalität wäre ihm sicher. Doch so langsam, ja fast behäbig wie er seine Gedanken entwickelt, lange Sprechpausen einbaut, so als würde er noch in diesem Augenblick von Neuem sorgfältig abwägen, so überzeugend entwickelt wirken die Vorstöße. Gewalttätigen Demonstranten die Kosten der Polizeieinsätze aufbrummen, Killerspiele ächten, in Wohnungen Verdächtiger eindringen und Computer ausforschen: Das alles lässt sich nicht einfach per Verordnung durchsetzen. Doch Herrmann trägt es mitunter so beharrlich mit gesenktem Kopf aus seinem Manuskript vor, als stünde es schon im Gesetzentwurf.

Die gediegene Vita des Joachim Herrmann: Vater Professor in Erlangen, nach dem Abitur geht der Sohn zum Bund, bleibt der Truppe als Reserveoffizier erhalten, studiert Jura, macht seine Staatsexamen, übernimmt als Regierungsrat ein Referat in der Staatskanzlei, wird als Oberregierungsrat Abteilungsleiter für öffentliche Sicherheit im Landratsamt von Erlangen, wird nach langen Jahren in der Jungen Union und in der CSU Landtagsabgeordneter. Dann Staatssekretär im Arbeitsministerium, schließlich - 2007 - Innenminister. Das ist sein Ding. Seit 1976 ist der Katholik verheiratet, hat mit seiner Frau eine Tochter und zwei Söhne. Die bayerische Karriere ist perfekt. Wie die Parteifreunde das bewerten, wird schon ein Jahr später klar, als Herrmann zu den vier aussichtsreichsten Kandidaten für die Nachfolge von Ministerpräsident Günther Beckstein gezählt wird.

In München erzählt man sich, sein Vorstoß habe vor allem aus einem Kopfnicken bestanden - als er gefragt worden sei, ob er denn auch zur Verfügung stehe. Er macht dann den Weg für eine zügige Inthronisierung von Retter Horst Seehofer frei.

Doch ein knappes Jahrzehnt später könnte seine Kopfbewegung wieder gefragt sein. Seit Langem bereitet sich Finanzminister Markus Söder taktisch, strategisch, beharrlich und ehrgeizig darauf vor, Seehofer spätestens 2018 als Regierungs- und CSU-Chef zu beerben. Seehofer ringt noch mit Söder und sich, hat aus Berlin eigens Ilse Aigner als Vize-Regierungschefin nach Bayern geholt, um eine Alternative zu Söder zu haben. Doch die zieht gegen den umtriebigen Franken regelmäßig den Kürzeren. Auch Seehofers Versuch, den einstigen Hoffnungsträger Guttenberg für die CSU zu reaktivieren, ist misslungen. Somit waren zuletzt noch Staatskanzleichef Markus Huber und Herrmann als theoretische Kandidaten auf Seehofers Spielfeld.

Wenn es nur um die Verlässlichkeit gehen würde, hätte Herrmann die besten Karten. In der Öffentlichkeit wird Söder unterstellt, den Unterschied zwischen Integrieren und Intrigieren zu vernachlässigen. Seehofer selbst stellte ihn 2012 vor Journalisten bloß, indem er ihm charakterliche Schwächen bescheinigte. Sie belauern sich seitdem wie zwei Löwen, die jederzeit bereit sind, ums Rudel zu kämpfen. Wie sehr sie sich dabei gegenseitig zu neuen Zuspitzungen treiben, wird stets ersichtlich, wenn Söder bei Vorfällen mit Flüchtlingsbezug den Ton verschärft und Seehofer bemüht ist, noch einen draufzusetzen.

Herrmann nicht. Er überlässt in solchen Situationen die Twitter-Wellen sich selbst, geht lieber vor die Fernsehkameras, die seinen beruhigenden Grundton viel besser in die Wohnzimmer bringen - und schreibt an neuen Sicherheitskonzepten. Bei der fünftägigen Klausur des bayerischen Kabinetts war er der Star, auf den sich die Medien stürzten. So sehr, dass es dem Söder-Umfeld schnell mulmig wurde und es das neue Konkurrenzverhältnis schnell auf die Formel brachte, Herrmann sei einfach unersetzlich, und deshalb müsse er unbedingt Innenminister bleiben.

Söder fand denn auch zum Abschluss den Weg, Herrmanns Ideen und Seehofers Entschluss in der Rolle des Machers zu verkünden. Mehr Polizisten, bessere Ausrüstung, das kostet schließlich Geld, und so konnte er sich als Finanzminister das Heft des Handelns zurückerobern.

Es liegen jedoch noch Unwägbarkeiten auf dem Weg. Zu der Mehrheit der CSU-Anhänger, die sich noch nicht für Söder, Aigner, Herrmann oder Huber entscheiden können, gehört auch Seehofer selbst. Und immer wieder spielt er auch öffentlich mit dem Gedanken, Söder 2018 noch mal durch Seehofer zu verhindern oder gar 2017 im Bundestagswahlkampf als Spitzenkandidat in Bayern Seehofer- statt Merkel-Plakate aufzuhängen. Und dann lauern Fehler und Irrtümer bei einem Innenminister stets hinter der nächsten Kurve. Auch tapste Herrmann schon in einen "Neger"-Scherz über Roberto Blanco. Doch vor der Klärung der Machtfrage in der CSU liegt noch eine Strecke, für die Geduld die erste Tugend ist. Und da liegt Herrmann weit vor Söder.

Quelle: RP
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