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Wer kann ihn noch stoppen?
Markus Söder - ungeschminkt

Senkrechtstarter Markus Söder - ungeschminkt
Große Ziele: Markus Söder. FOTO: laif
Berlin. Der 48-jährige Senkrechtstarter aus Nürnberg will Nachfolger von Partei- und Regierungschef Horst Seehofer werden. In der Beliebtheit führt er sowohl innerhalb als auch außerhalb der CSU die Ranglisten an. Doch er darf nicht überdrehen. Von Gregor Mayntz

"Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?", fragte die britische Zeitschrift "Economist" kurz vor der Bundestagswahl 1998 - und zeigte SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder auf ihrem Titel. Markus Söder, 48, Senkrechtstarter der CSU, steht - wie Schröder 1998 im Bund - in Bayern kurz davor, die Macht zu übernehmen. Die Gebrauchtwagen-Frage dürfte auch bei Söder das Publikum reizen. Kann man ihm vertrauen?

"Zu viele Schmutzeleien" hatte CSU-Chef Horst Seehofer ihm Ende 2012 unterstellt, ihn für "von Ehrgeiz zerfressen" gehalten und ihm "charakterliche Schwächen" unterstellt - das alles vor Journalisten, um die Ohrfeige für seinen Parteifreund mit größtmöglicher Wucht auszustatten. Aber einen wie Söder bringt das nicht ins Wanken. Es war sogar der Auftakt für einen Fischzug mit größtmöglicher Beute. Die Solidarisierung in der Landtagsfraktion hat Söder seitdem in zahllosen Einzelgesprächen genutzt, um Vorbehalte gegen ihn zu zerstreuen. Denn am Ende ist es die Landtagsfraktion, die 2018 den neuen Ministerpräsidenten wählt.

Söder bringt sich Millimeter für Millimeter derart in Stellung, dass die anderen möglichen Kandidaten eindeutig in seinem Schatten stehen. Das hat er von frühester Jugend an perfektioniert. Der Sohn eines Maurermeisters, der - leicht verfremdet - den Nimbus des Arbeiterkindes pflegt, legte seine Vita so an, dass frühere Mitschüler ihm sein Lebensziel Ministerpräsident schon mit 17 anzumerken glaubten.

Söder fuhr am liebsten zweigleisig. Für die Parteikarriere waren Jura-Studium, Doktortitel, die PR-Tätigkeit im schwiegerväterlichen Betrieb und die Arbeit beim Bayerischen Rundfunk nützlich. Umgekehrt belegte er mit diesen Beschäftigungen, dass er kein reiner Berufspolitiker sei. Jedenfalls lernte er beim Aufstieg zum Landeschef der Jungen Union und bei der weiteren Karriere ins Präsidium, Parlament und Kabinett, wie man Konkurrenten rechtzeitig wegbeißt, wie man Botschaften glasklar setzt und wie man den Eindruck erweckt, das jeweilige Amt sei das Allerwichtigste: "Der würde sogar als Vorsitzender den Petitionsausschuss zum meistunterschätzten Gremium machen", sagt ein Weggefährte.

Zweigleisig gestaltete Söder auch sein familiäres Privatleben. Die Liebe zu einer Sonnenstudio-Angestellten führte im Dezember 1998 zu einer gemeinsamen Tochter. Doch fürs Heiraten bevorzugte er ein Jahr später die Tochter eines angesehenen heimischen Bauunternehmers. Seine inzwischen vier Kinder wuchsen somit in zwei verschiedenen Familien auf. Für Söder bedeutet das aber nicht, beim Einfordern hehrer Familienwerte dezenter aufzutreten.

Auch wenn Innenminister Joachim Herrmann, Staatskanzleichef Marcel Huber und Europapolitiker Manfred Weber Chancen eingeräumt werden, dürfte sich die Nachfolgefrage auf einen Zweikampf mit Ilse Aigner verdichten. Die Chefin des mächtigen CSU-Bezirks Oberbayern, als Wirtschaftsministerin mit dem Etikett "stellvertretende Ministerpräsidentin" ausgestattet, ist vorübergehend demontiert. Die Energiewende sollte ihr Meisterstück werden, doch Seehofer hat es ihr aus der Hand genommen. Die öffentliche Wahrnehmung ist eindeutig: Während Aigner noch nach Möglichkeiten der Profilierung sucht, punktet Söder Woche für Woche neu. Die Fluthilfe bringt er als Finanzminister binnen Stunden auf den Weg, die strukturschwachen Regionen versorgt er als Heimatminister mit Arbeitsplätzen. Und nun inszeniert er sich auch noch als Hoffnungsträger für die bayerische Wirtschaft, indem er in der Debatte um die Erbschaftsteuer die CSU-Positionen zuspitzt - und das auf Aigners eigenem Zuständigkeitsfeld.

Die Lufthoheit über den bayerischen Stammtischen ist Söder wichtiger als die Zustimmung in Leitartikeln, und in der Beliebtheit führt er sowohl innerhalb als auch außerhalb der CSU die Ranglisten an. Sogar Seehofer hat er schon überholt. Und er drängelt weiter. Wer als Landespolitiker den früheren Vizechef der "Bild am Sonntag", Michael Backhaus, als Verantwortlichen für Kommunikation und Planung ins Haus holt, bereitet sich auf Höheres vor. Und wer nach China jettet und vor der Verbotenen Stadt posiert, scheint den Glamour eines Karl-Theodor zu Guttenberg nachahmen zu wollen.

Die Frage nach seinem wahren Gesicht beantwortet Söder im fränkischen Fasching auf originelle Weise: Mal erscheint er als Mahatma Gandhi, mal als Filmfigur Shrek, mal als Zauberer Gandalf. Auch für eine bayerische TV-Seifenoper schauspielert er gerne sich selbst. Aus wie viel Schminke besteht er am Ende selbst? In Söders Schwankungen zwischen knallharter Machtpolitik und sanftem Umschmeicheln kann sich Seehofer mühelos selbst entdecken.

Doch Seehofer analysiert gründlich. Und er hat höchsten Respekt vor Angela Merkels Art, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie sich in jeder Situation auf sie verlassen können. Der Merkel-Stil ist jedoch das Gegenteil vom krachledernen Söder, passt eher zu Aigner. Seehofers Umfeld untersucht genau, wie sich die Menschen auf Aigner einlassen würden, wenn sie einmal im Amt wäre.

Vielleicht ist Söder wirklich nicht mehr zu stoppen, solange er es nicht selbst überdreht. Vielleicht kann Aigner keine Gewähr dafür bieten, zu einer bayerischen Merkel zu werden. Seehofer wird das im Lichte des Bundestagswahlabends 2017 gewichten. Und Söder wird alles tun, damit sich die Waage zu seinen Gunsten neigt.

Quelle: RP
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