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Analyse
Sexualpädagogik ohne Grenzen

Düsseldorf. Der Sexualkundeunterricht muss sich auch neuen Lebensmodellen widmen. Mit der Vielfalt aber geht oft eine für Kinder verstörende Orientierungslosigkeit einher. Die Sexualaufklärung gerät so leicht zur Schamverletzung. Von Jörg Isringhaus

Sexualaufklärung in der Schule ist seit jeher ein heikles Thema für Schüler, Eltern und Lehrer. Altersstufe, Material, fachliche Ausrichtung, alles steht immer wieder neu zur Debatte. Dazu muss in einer liberalen Gesellschaft, in der die unterschiedlichsten Lebensentwürfe akzeptiert nebeneinander existieren, auch die sexuelle Vielfalt berücksichtigt werden. Transgender lautet ein Stichwort, die Abweichung von der zugewiesenen sozialen Geschlechterrolle.

So weit, so gut, so schwierig umzusetzen. Wie schwierig, zeigt die Diskussion, die sich an dem Fachbuch "Sexualpädagogik der Vielfalt" entzündet hat. Ein Werk von namhaften Professoren, unter anderem Elisabeth Tuider, ein Grundlagenbuch für Lehrer, das bundesweit in vielen Empfehlungslisten auftaucht. Nur nicht mehr in Hamburg. Dort hat der Schulsenator gerade angewiesen, das Buch von der Literaturliste des Lehrerinstituts zu streichen. "Wir sind der Meinung, dass große Teile für den Unterricht nicht geeignet sind", sagt ein Behörden-Sprecher.

In der Kritik steht vor allem die Methodik des bereits 2008 erschienenen und 2012 überarbeiteten Lehrbuchs. So empfiehlt Tuider 70 praktische Übungen. Bei "Das erste Mal" dürfen Jugendliche Analsex als Theaterstück darstellen (ab 13 Jahren), es gibt eine Übung "Sexualität während der Menstruation" (ab zwölf) oder das Rollenspiel "3-2-1-Deins", in dem die Teilnehmer Vaginalkugeln für ein Mietshaus ersteigern können (ab 14), sowie das Projekt "Ein neuer Puff für alle", bei dem verschiedene Lebensweisen und sexuelle Praktiken berücksichtigt werden sollen (ab 15). Um es noch einmal deutlich zu sagen: Das Buch ist ein wissenschaftliches Grundlagenwerk, das die moderne Sexualpädagogik mitdefinieren will, das Grenzen der Wissenschaft auslotet.

Und dabei offenbar überschreitet.

Einen falschen Ansatz in der Sexualpädagogik macht auch Johannes-Wilhelm Rörig aus, der von der Bundesregierung eingesetzte Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Zwar sei es wichtig, dass heranwachsende Mädchen und Jungen Akzeptanz und Toleranz gegenüber der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität anderer lernen. "Sexualpädagogik sollte das Thema aber nicht restlos ausleuchten und auch nicht über alle denkbaren Details und sexuellen Praktiken und Vorlieben der Erwachsenensexualität informieren", sagt Rörig. Grenzen würden überschritten, wenn Kinder beispielsweise dazu aufgefordert werden, in der Klasse vor Mitschülern über ihre Sexualerfahrungen zu sprechen. Buchautorin Tuider argumentiert in Interviews dagegen, dass viele der Themen im Alltag der Jugendlichen präsent sind und nicht erst von der Sexualpädagogik an sie herangetragen werden. Zudem sei das Buch kein Lehrplan, und viele der Übungen seien nur anwendbar, wenn die entsprechenden Themen auch unter den Jugendlichen kursierten.

Regine Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW, erlebt eine andere Wirklichkeit. Sie höre immer wieder Klagen von Eltern, die sich darüber beschweren, dass ihre Kinder im Sexualkundeunterricht mit Materialien und Themen konfrontiert würden, die nicht abgesprochen waren. "Das Informationsrecht der Eltern funktioniert nur auf dem Papier", sagt sie. Stattdessen werde schon früh bei den Kindern der Schutzmechanismus der Scham verletzt, indem man sie zwinge, sich ihrer Scham zu widersetzen. Jedes Kind aber habe andere Grenzen, die respektiert werden müssten. Bücher wie die "Sexualpädagogik der Vielfalt" missachteten gar die persönliche Integrität und Würde des Kindes. Schwarzhoff: "Unter dem Mäntelchen der Vielfalt werden dort Übergriffigkeiten gerechtfertigt." Dazu trauten sich viele Eltern gar nicht mehr, gegen den "Genderwahn" aufzubegehren - weil sie als reaktionär oder homophob abgestempelt würden.

So erweist sich ein Teil der modernen Sexualpädagogik als libertäre Doktrin, die für politisch korrekt erklärt, was von der Norm abweicht. Kritiker werden gerne als Modernisierungsverängstigte gebrandmarkt. Das erinnert an die 68er, die mit sexueller Freizügigkeit gesellschaftliche Strukturen sprengen wollten. Dabei sind in Deutschland heute laut Statistischem Bundesamt 70 Prozent der Eltern eines minderjährigen Kinds verheiratet, zehn Prozent leben in nichtehelichen oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Die klassische Kleinfamilie ist nicht nur bevorzugter Lebensentwurf, sondern oft auch tolerant genug, andere Lebensmodelle neben sich zu akzeptieren - etwa, weil Offenheit und Respekt zum Erziehungskonzept gehören.

In der "Sexualpädagogik der Vielfalt" aber ist für solche Konventionen kein Platz. Tuider will die Jugendlichen stärken, deren Liebes- und Lebensweise nicht der "gesellschaftlichen Dominanzkultur" entsprechen. Wenn man das so betonen muss, hapert es offenbar mit dem sexuellen Selbstbewusstsein.

Auch aus der Sicht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist das der falsche Ansatz. Die von Tuider postulierte Sexualpädagogik mache Eltern Angst, sagt BZgA-Direktorin Elisabeth Pott. Die BZgA distanziere sich davon deutlich. "Die sexuelle Orientierungsphase der Kinder ist auch eine schwierige Zeit für die Eltern", sagt Pott. Wichtig sei es, Eltern und Schule näher zusammenzubringen: "Unser Wunsch ist es, dass alle im Unterricht eingesetzten Materialien vorab mit den Eltern besprochen werden." Dabei gehe es etwa um das Stärken von sozialer Kompetenz. Es könne nicht sein, dass sich Kinder mit ihren physischen Erfahrungen seelisch entblößen. "Für die Schule kommen solche Methoden nicht in Betracht."

Das Schulministerium in NRW macht es sich da leichter. Dort verweist man auf die 1999 erlassenen Richtlinien zur Sexualkunde. Die Ausgestaltung des Unterrichts liege in der Verantwortung der Lehrkräfte, die sich an den Fachkonferenzen orientieren müssten. "Es gibt immer umstrittene Lehrbücher", sagt eine Sprecherin zur "Sexualpädagogik der Vielfalt". "Es steht uns nicht zu, das zu beurteilen."

Cordula Layer wird oft geholt, wenn nach solchen Unterrichtsstunden offene Fragen bleiben. "Wir müssen häufig vieles geraderücken", sagt die Gynäkologin, die für die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung (ÄGGF) Sexualaufklärung in der Schule anbietet - unter medizinischen Gesichtspunkten. "Die Kinder sollen ihren Körper kennen, schätzen und schützen lernen", formuliert Layer das Credo der 90 Ärztinnen, die für die ÄGGF arbeiten. Layer kritisiert, dass zu wenig Rücksicht auf Entwicklung und Alter der Kinder genommen werde. Es ist wohl dieser in unserer übersexualisierten Zeit wenig achtsame und ernüchternde Umgang mit Sexualität, der die Sexualpädagogik derzeit so in Misskredit bringt.

Quelle: RP
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