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Analyse
Missbrauch: Aufarbeitung unerwünscht

Berlin. Der Missbrauch in der katholischen Kirche war nur Teil eines Skandals, der vor fünf Jahren bekannt wurde. Geschehen ist bisher wenig. Die Hoffnungen vieler Opfer ruhen auf einer Kommission, die 2016 ihre Arbeit aufnimmt. Von Jan Drebes

Im Januar 2010 wurde ein Skandal publik, der die Republik erschütterte. Tausende Gläubige kehrten ihrer katholischen Kirche den Rücken, als sie erfuhren, dass Kinder jahrelang von Priestern in Deutschland sexuell missbraucht wurden. Die Öffentlichkeit musste erkennen, dass sich mitnichten Einzeltäter an Minderjährigen vergangen hatten, sondern dass Kinder Opfer systematischer sexueller Gewalt geworden waren. Das galt aber auch, wie nach ersten Enthüllungen aus dem kirchlichen Bereich deutlich wurde, zum Beispiel an der reformpädagogischen Odenwaldschule in Hessen.

Fünf Jahre danach steht der Skandal wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Drei betroffene Männer, die als Kinder missbraucht wurden, traten gestern in Berlin mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, vor die Öffentlichkeit. Auch der Jesuitenpater Klaus Mertes und die Soziologin Sabine Andresen waren dabei. Ihr Ziel: Bilanz ziehen, wie weit die Aufarbeitung nach fünf Jahren gekommen ist. Ihr Fazit: Von Aufarbeitung könne kaum die Rede sein; die Interessen der Opfer müssten zudem viel zu häufig hinter den Interessen der Täter-Institutionen zurückstehen. Und: Der sexuelle Missbrauch von Kindern geht unterdessen einfach weiter - Schätzungen nennen rund 100 000 Fälle pro Jahr, häufig in Familien und auch in öffentlichen Institutionen.

"Bis 2010 gab es zu oft Verharmlosung und Vertuschung. Die breite Öffentlichkeit konnte sich offenbar nicht vorstellen, in welchem Ausmaß Erwachsene Kinder missbrauchen", sagte Rörig gestern. Doch noch immer seien viele Tausend Mädchen und Jungen schutzlos sexueller Gewalt ausgesetzt. "Es mangelt an finanziell abgesicherten spezialisierten Beratungsstellen und Therapieplätzen bei sexuellem Missbrauch", kritisierte Rörig. Der Jurist hat eine schwierige Aufgabe. Er muss zum einen die Empfehlungen des "Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch" aus den Jahren 2010 und 2011 unterstützen und mit umsetzen. Dazu gehört etwa die Einrichtung eines Entschädigungsfonds mit einem Volumen von 100 Millionen Euro, an dem sich je zur Hälfte der Bund und die Länder beteiligen sollten. Doch bisher sind lediglich knapp 59 Millionen Euro im Topf. "14 Länder weigern sich, Verantwortung zu übernehmen", schimpfte Rörig gestern. Der Bund, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern haben bisher gezahlt - mehr nicht.

Rörig hat es aber auch deswegen nicht leicht, weil er stets um ausreichende eigene Ressourcen kämpfen muss. Als Ministerialdirigent agiert er unabhängig und ist an kein Ministerium weisungsgebunden. Lediglich organisatorisch ist sein Büro bei Manuela Schwesigs (SPD) Bundesfamilienministerium angegliedert. Und am Ende kann Rörig nur schlichte Empfehlungen an die Bundesregierung aussprechen. Er ist bei der Umsetzung also auf mächtigere Unterstützer in den politischen Reihen angewiesen, die Opfer sexuellen Missbrauchs damit auch.

Unterdessen ist Rörig zudem mit diesen ernüchternden Fakten konfrontiert: Auch fünf Jahre nach Bekanntwerden der teils Jahrzehnte alten Missbrauchsfälle liegen noch immer nahezu alle Täter-Netzwerke in den jeweiligen Kirchen, Gemeinden und Bildungseinrichtungen im Verborgenen. Eine zentrale Aufarbeitungsstelle gibt es bisher nicht; der Auftrag und das Mandat für diese Mammutaufgabe sind unklar oder nach wie vor noch nicht vergeben.

Und als wäre das nicht genug: Selbst wenn Aufarbeitung betrieben wird, geschieht das offenbar häufig mit angezogener Handbremse. Denn viele Menschen, die als Kinder Opfer sexueller Gewalt durch Priester geworden sind, berichten darüber, dass ihre Fälle dem Vatikan zwar bekannt seien und dort bearbeitet werden sollten, sie aber keine Rückmeldungen auf ihre Fragen bekommen. Matthias Katsch etwa, der in den 70er Jahren als Schüler an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg von den dortigen Haupttätern sexuell missbraucht wurde, wartet seit 1991 - seit 24 Jahren - auf ein Ergebnis der Aufarbeitung seines Falls aus Rom. "Bisher ist nichts geschehen", sagte Katsch, der die Gruppe "Eckiger Tisch" für die Interessen der Opfer an der Jesuitenschule gegründet hat.

Auch Pater Klaus Mertes kritisiert die Bearbeitung der Verfahren im Vatikan als zu langsam, zudem herrsche Intransparenz, wer dort mit den Fällen befasst sei, sagte er. Mertes hatte 2010 als damaliger Rektor am Canisius-Kolleg die Missbrauchsfälle seiner Schule publik gemacht und so die Lawine weiterer Skandal-Enthüllungen losgetreten. Kritik übte Mertes aber auch an der Kirchenführung in Deutschland: "Deutsche Bischöfe weigern sich bis heute, sich mit Missbrauchsopfern an einen Tisch zu setzen."

Uneins sind sich Mertes und die Vertreter der Missbrauchsopfer unterdessen bei den Entschädigungen. Die von der katholischen Kirche angebotene "Anerkennungsleistung" von bis zu 5000 Euro wird von Opfern als völlig unzureichend kritisiert; Mertes hatte die Festlegung dieser Summe mitgetragen. In anderen Ländern habe es Zahlungen bis 60 000 Euro gegeben, sagt Katsch.

Wie Entschädigungen geregelt werden sollten, könnte eine für 2016 geplante "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch" in Rörigs Verantwortung erarbeiten. Am Freitag wird es im Bundestag einen Antrag der Regierungsfraktionen zur Einrichtung einer solchen Kommission geben. Fraglich ist, ob das Gremium den Erwartungen gerecht werden kann. Als eine zentrale Stelle zur Aufarbeitung bräuchte es ausreichend finanzielle Mittel und ein umfangreiches Mandat, um Vorladungen an Täter aussprechen zu können. In den kommenden Monaten entscheidet sich also, wie ernst es der Politik mit der Unterstützung der Aufarbeitung ist.

Quelle: RP
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