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Analyse
So geht's dem Gesundheitssystem

Berlin. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) muss viele Baustellen schließen: Von allen Seiten prasselt Kritik auf die deutsche Gesundheitsversorgung ein. Die Arbeitsbedingungen und regionalen Probleme stehen im Fokus. Von Jan Drebes

Das deutsche Gesundheitssystem ist ein schwer kranker Patient. Dieses Bild wurde gestern in Berlin von gleich mehreren Instanzen gezeichnet: Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen warnt in seinem neuen Bericht vor dem Aussterben der Landarztpraxen. Wenige Stunden zuvor klagte die Bundesärztekammer über die zu hohe Belastung auf Mediziner, denen so Behandlungsfehler unterlaufen können. Und gleichzeitig reichten Hebammen eine Petition beim Bundestag ein, um Hilfe in ihrer prekären wirtschaftlichen Situation zu bekommen. Was läuft aus Sicht der Sachverständigen vor allem schief? Die sieben Professoren des Sachverständigenrates stellen den bisherigen Maßnahmen der Politik ein schlechtes Zeugnis aus, mittels derer das Ungleichgewicht zwischen einem Ärztemangel auf dem Land und einer Überversorgung in den Städten bekämpft werden soll. Welchen Gegenvorschlag machen die Experten? Sie wünschen sich einen auf zehn Jahre garantierten Zuschlag in Höhe von 50 Prozent für Landärzte. Dieser soll auf alle ärztlichen Grundleistungen gezahlt werden, wenn eine neue Niederlassung gegründet wird und die Versorgung mit Hausärzten in der Region unter 90 Prozent liegt und die von Fachärzten unter 75 Prozent. Dieser finanzielle Anreiz soll Ärzte in bisher unterversorgte Landstriche locken. Gleichzeitig wollen die Sachverständigen, dass freiwerdende Arztsitze in überversorgten Gebieten von den Kassenärztlichen Vereinigungen aufgekauft und so reduziert werden. Müssten dafür die Beiträge für Krankenversicherte angehoben werden? Nach Vorstellung der Sachverständigen nicht. Sie plädieren dafür, das Geld von den Ärzten in gutversorgten Gegenden umzuschichten. Die Zahl der Allgemeinmediziner nimmt stetig ab, während es immer mehr Fachärzte gibt. Ist das besorgniserregend? Die Experten des Rates sagen Ja, weil es dadurch immer weniger Hausärzte gibt. Nach Angaben von Ferdinand Gerlach, Vorsitzendem der Sachverständigen, ist die Zahl der Hausärzte seit 1991 um zehn Prozent gesunken, während gleichzeitig die Zahl der Fachärzte um 70 Prozent zugenommen hat. "Nur noch jeder zweite Hausarzt findet heute einen Nachfolger", betonte Gerlach.

Wie soll dem Einhalt geboten werden? Geht es nach den Sachverständigen, sollen künftig die Universitäten dafür sorgen, dass eine Karriere als Allgemeinmediziner attraktiver wird. Etwa indem sie der Allgemeinmedizin im praktischen Jahr einen größeren Stellenwert einräumen. Außerdem sollen an Unis angebundene Kompetenzzentren eine Weiterbildung in Allgemeinmedizin möglich machen. Weiterhin wünschen sich die Experten lokale Gesundheitszentren, in denen mehrere Ärzte im Team mit Versorgungsassistenten und Pflegefachkräften zusammenarbeiten könnten. Diese Zentren sollten spezielle Angebote für ältere und chronisch kranke Patienten anbieten und somit die Versorgung auf dem Land verbessern. Was meint die Regierung dazu? Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte gestern: "Wir wollen die Rahmenbedingungen für die medizinische Versorgung gerade in strukturschwachen Regionen weiter verbessern." Gesetzliche Schritte würden bald auf den Weg gebracht. Das Gutachten bezeichnete er als gute Diskussionsgrundlage.

Egal ob auf dem Land oder in der Stadt: Die Bundesärztekammer klagt über zu hohe Belastungen für Ärzte, die teils zu Behandlungsfehlern führe. Wie viele Fälle wurden gezählt? Insgesamt erkannten Gutachter der Ärzteschaft im vergangenen Jahr 2243 Behandlungsfehler an - 77 davon mit tödlichem Ausgang. Ist das eine hohe Zahl, und wie hat sie sich entwickelt? Gemessen an den Behandlungszahlen von aktuell knapp 700 Millionen allein im ambulanten Bereich liegen die festgestellten Fehler laut Bundesärztekammer im Promillebereich. Demnach ist die Zahl von Behandlungsfehlern sogar leicht gesunken. Bei gut einem Viertel der 7922 Entscheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichterstellen habe 2013 ein Behandlungsfehler vorgelegen. Im Jahr 2013 waren es 37 Fälle mehr als 2012. Bei welchen Behandlungen kommt es besonders häufig zu Fehlern? Operationen an Knie, Hüfte oder Sprunggelenk sind nach Angaben der Kammer am häufigsten betroffen. Allerdings seien die Zahlen nicht repräsentativ. Denn die Gesamtzahl der Behandlungsfehler sei nicht bekannt. Woran liegt das? Mögliche Behandlungsfehler werden nicht nur von den zuständigen Kommissionen der Ärztekammern untersucht. Auch der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenkassen führt eine eigene Statistik, ebenso wie manche Haftpflichtversicherer. Die Deutsche Stiftung für Patientenschutz fordert daher von der Bundesregierung, ein nationales Register einzuführen. Auch Hebammen sind unzufrieden mit dem System. Wo liegt das Problem? Geringe Löhne und hohe Haftpflichtprämien setzen den deutschen Hebammen am meisten zu. Deswegen haben sie gestern eine Petition mit 52 000 Unterschriften eingereicht, die von Minister Gröhe mehr Hilfe fordert. Die hohen Haftpflichtprämien treffen besonders die etwa 3000 freiberuflichen Hebammen, die Geburtshilfe leisten. Viele könnten die Mütter deshalb nicht mehr bei der Geburt, sondern nur vorher und nachher betreuen. Das Gesundheitsministerium plant weitere Schritte, nachdem der Bundestag Anfang Juni beschlossen hatte, dass Hebammen Zuschläge als Ausgleich für hohe Versicherungskosten bekommen sollen.

Quelle: RP
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