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Düsseldorf
Staatlicher Schulversuch mit Waldorfpädagogik

Düsseldorf. Eine Hamburger Grundschule arbeitet nach den umstrittenen Grundsätzen. Kein Modell für uns, sagt NRW. Von Sarah Biere

Hamburg ist Schauplatz einer bildungspolitischen Premiere: Im Stadtteil Wilhelmsburg werden seit dieser Woche die ersten Grundschulkinder an einer staatlichen Schule unterrichtet, die Kernelemente der Waldorfpädagogik einbindet. Nach Ansicht von Heiner Barz, Bildungsforscher an der Uni Düsseldorf, ist das "eine kleine bildungspolitische Sensation" - alle anderen 232 Waldorfschulen in Deutschland sind Privatschulen, betrieben durch Elternvereine.

50 Prozent Regelschule, 50 Prozent Waldorf - so lautet der Kompromiss in Hamburg. Die Kooperation mit einer Waldorfinitiative wurde 2013 vom Senat beschlossen. Waldorfpädagogen und staatliche Lehrkräfte bilden ein Kollegium. "Ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen", "intensive musische, künstlerische und handwerkliche Lernangebote" sowie "Reduzierung von Leistungs- und Notendruck" sind Schlagworte für das Konzept. Das Ganze läuft als Schulversuch auf acht Jahre.

Ein ähnliches Projekt wollten Pädagogen 2012 in Dortmund realisieren. Doch Schulaufsicht und Bezirksregierung stellten sich gegen die Idee einer staatlich gestützten Waldorfschule. In NRW arbeiten derzeit 53 Waldorfschulen mit gut 18 000 Schülern. In der Frage, ob staatliche Waldorfschulen denkbar sind, zeigt sich das Schulministerium zugeknöpft. "Das sind zwei verschiedene Systeme", sagt ein Sprecher: "Waldorfschulen unterscheiden sich von den staatlichen deutlich durch ihre Pädagogik." Deshalb dürften Waldorfschulen auch keine staatlichen Abschlüsse vergeben - Schüler müssen daher externe Prüfungen ablegen, um etwa die allgemeine Hochschulreife zu erlangen.

Bildungsforscher Barz bezeichnet Hamburg als "spannendes Experiment": "Es ist ein hoffnungsvoller Versuch, aber Versuche können auch scheitern." Scharfe Kritik übt der Grundschullehrer André Sebastiani von der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften". Die hatte versucht, das Hamburger Projekt zu stoppen. "Der Waldorfpädagogik liegt die anthroposophische Weltanschauung zugrunde, ein Konzept, das extrem religiös und esoterisch ist - beinahe sektenhaft", sagt Sebastiani. In der auf Rudolf Steiner (1861-1925) zurückgehenden Lehre sei etwa festgelegt, dass Kinder in Klasse eins noch nicht Lesen und Schreiben lernen sollten. In einem Problemstadtteil wie Wilhelmsburg sei das geradezu Gift, schimpft Sebastiani.

Der Hamburger Landesschulrat Norbert Rosenboom beteuerte zur Einschulungsfeier, es gehe lediglich um die Integration allgemein akzeptierter Elemente der Waldorfpädagogik. Kritiker aber befürchten, dass die Waldorf-Fraktion einen Fuß in die staatliche Schullandschaft bekommen will. Sebastiani ist sich sicher: "Hier geht es um die staatliche Vollfinanzierung."

Quelle: RP
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