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Düsseldorf
"Ich habe die weitreichenderen Visionen"

Fotos: Ständehaus-Treff mit Martin Schulz in Düsseldorf
Fotos: Ständehaus-Treff mit Martin Schulz in Düsseldorf FOTO: Bretz, Andreas
Düsseldorf. SPD-Chef Martin Schulz präsentierte sich beim Ständehaus-Treff als selbstbewusster Kanzlerkandidat und überzeugter Europäer. Von Kirsten Bialdiga und Laura Ihme

Am Tag nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist in weiten Teilen Europas ein Aufatmen zu vernehmen - trotz des Erfolgs der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Auch beim SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz überwiegt die Erleichterung. "Mit Emmanuel Macron hat ein ausgewiesener Europäer gewonnen", sagte Schulz beim traditionsreichen Ständehaus-Treff in Düsseldorf : "Das ist ein gutes Zeichen für Europa." Zwar sei in Frankreich noch nichts sicher. Er glaube aber, dass Macron gewinne. Schulz nannte Le Pen eine Zynikerin, die Dinge verspreche, von denen sie wisse, dass sie nicht umzusetzen seien. Die Populisten hätten vor allem ein Ziel: zerstören.

Über 500 Gäste kamen gestern Abend zum Ständehaus-Treff, der 2016 von der Rheinischen Post übernommen wurde. Darunter waren NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Landtagspräsidentin Carina Gödecke, Oberbürgermeister Thomas Geisel (alle SPD), FDP-Bundesvize Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Henkel-Aufsichtsratschefin Simone Bagel-Trah.

Martin Schulz ist so etwas wie ein Europäer qua Geburt. Er wuchs in Würselen im Dreiländereck auf, seine Vorfahren waren über mehrere europäische Länder verstreut. Als Präsident des EU-Parlaments betonte er oft, Europa sei das beste Mittel zur Abwehr von Rassismus. Berlin schien für ihn lange Jahre keine ernsthafte Option zu sein.

Dann kam der 21. Januar. Geschichten spinnen sich inzwischen um dieses Datum, eine davon geht so: In Montabaur trifft sich Schulz mit SPD-Chef Sigmar Gabriel. Schulz geht davon aus, dass er Außenminister werden soll. Doch Gabriel bietet ihm Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur an; Schulz schlägt ein. Gabriel soll dann den "Stern"-Chefredakteur eingeweiht haben - ohne Wissen weiter Teile der SPD. Gabriel will die Partei eigentlich erst am 24. Januar informieren. Doch im Netz wird das Titelbild des neuen "Stern" vorzeitig publik. Wie es genau war, wollte Schulz auch gestern in Düsseldorf nicht sagen, nur so viel: "Wir haben mit dem engsten Führungskreis überlegt, wer am ehesten die Chance hat, die SPD als Kanzlerkandidat anzuführen."

Die Partei hat Schulz ohne Gegenstimme zum Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt. "Diese 100 Prozent sind auch eine Bürde", sagte Schulz gestern. Sobald er zwei Stimmen verliere, sei die öffentliche Wahrnehmung, dass er abstürze.

Die Frage sozialer Gerechtigkeit ist sein Kernthema. "Wir haben einen wachsenden Niedriglohnsektor", bekräftigte Schulz. Alleinerziehende hätten es besonders schwer, Frauen und Männer würden immer noch nicht gleich bezahlt, in Deutschland herrsche Pflegenotstand. Ein Steuerkonzept der SPD umschrieb er so: Wer 45.000 bis 52.000 Euro brutto im Jahr verdiene, solle keinen Spitzensteuersatz zahlen. Grundvoraussetzung sei jedoch Finanzierbarkeit. Abgeltungs- und Kapitalertragsteuer sollten einbezogen werden. "Die Steuerpolitik ist in Deutschland eine Kampfbegriff-Debatte", so Schulz.

Vorgezeichnet war ihm die Politik nicht. Schulz' Vater war Polizist, Sozialdemokrat. Die Mutter hingegen war in der CDU. "Sie war eine großartige Frau, aber nicht frei von Irrtümern", sagte er mit Blick auf ihr Parteibuch. Im Elternhaus wurde häufig über Politik diskutiert, wie sich Schulfreunde erinnern. "Ich stamme aus sehr, sehr liebevollen Verhältnissen", sagte er. Für Politik begeisterte ihn Willy Brandt, der bei den Eltern auf geteiltes Echo stieß: Für seine Mutter sei er ein Übel gewesen, für den Vater das Ende der Bevormundung durch seine Frau.

Für Martin drehte sich in den ersten 20 Jahren seines Lebens fast alles um Fußball, er wollte Profi werden. Über sich als Schüler sagte er gestern trocken: "Ich war eine faule Socke." Doch dann zog er sich Mitte der 70er Jahre eine Knieverletzung zu. Den Fußball musste er aufgeben. Den 19-Jährigen stürzte dies in eine tiefe Krise: Schulz wurde Alkoholiker. Er habe damals irgendwie den Faden verloren, sagte er: "Sie schämen sich, weil Sie trinken, und Sie trinken, weil Sie sich schämen." Erst 1980 sei er zur Besinnung gekommen - und habe sofort aufgehört zu trinken. Bis heute.

Halt gaben ihm Familie, Freunde, ein eigener Buchladen - und zunehmend die politische Arbeit. Mit 31 wurde er Bürgermeister von Würselen, 1994 wurde er ins Europäische Parlament gewählt. Und 2012 dessen Präsident. Dass er sich für den besseren Kanzler als Angela Merkel hält, ließ Schulz auch gestern durchblicken: "Ich bin der Ambitioniertere in der Europapolitik und habe die weitreichenderen Visionen." Zu einer rot-rot-grünen Koalition sagte er: "Wer nach der Bundestagswahl mit mir koalieren will, ist herzlich eingeladen, auf mich zuzukommen."

Info Beim nächsten Ständehaus-Treff am 11. Mai ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast. Am 26. Juni kommt der österreichische Außenminister Sebastian Kurz.

Quelle: RP
 
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