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Analyse
Syrien ist so zerstört wie Palmyra

Damaskus. Der Vergleich mit dem Dreißigjährigen Krieg scheint nicht aus der Luft gegriffen: Terror, Krieg, Vertreibung und die weltweit größte humanitäre Katastrophe werden in dem arabischen Land am Mittelmeer noch lange dauern. Die Hälfte des Volkes ist inzwischen auf der Flucht. Von Ulrich Leidholdt

"Palmyra - in das Schweigen der Steppe eingebettet in goldenen Sand und eingehüllt in das Schweigen der Nacht, erkennst du die Hügel, die ein lebendiges Abbild der Geschichte sind und den Samen der menschlichen Kultur gepflanzt haben. Da liegt Palmyra, die Wunderbare."

Was das Video im Museum der Wüstenstadt Touristen aus aller Welt verspricht, öffnet sich in seiner ganzen Pracht jenen, die die 150 Meter hoch zur Zitadelle mit Eselskraft oder zu Fuß bewältigen. Der Blick schweift von dort oben über das atemberaubende Panorama Palmyras: hinweg über die elf Meter breite römische Säulenstraße mit dem Hadrian-Tor. Weiter hinten erheben sich der fantastische Baal-Tempel und das römische Theater. Palmyra - mitten in der Syrischen Wüste, doch gesegnet mit Wasser. Eine Oasenstadt, in der zwischen prächtigen Altertümern reichlich Grün wuchert.

Palmyra, die Wunderbare - das ist Geschichte. Noch vor fünf Jahren präsentierte die Stadt der Antike aller Welt ihr Kulturerbe. Bis zum Beginn des Aufstands gegen Baschar al Assad war Palmyra Anziehungsort für Millionen Touristen. Dann stürzte der Krieg des Regimes gegen sein Volk Syrien in die Katastrophe.

2011 endete der Tourismus in Palmyra, Aleppo und Damaskus und mit ihm jede Zivilisation. Kurz zuvor hatte Museumsdirektor Galib al Halir noch davon geschwärmt, die Zahl der Besucher zu steigern. Palmyra sei für Syrien so viel wert wie das Öl für die Golfstaaten. Eine Stadt mit Theatern, Bädern und Tempeln, die sich über 100 Kilometer erstreckt. Ein Ort, dessen Geschichte 150.000 Jahre zurückreiche. Ein in der DDR ausgebildeter syrischer Ingenieur, der im Zweitjob Touristen durch die Wüstenstadt führte, pries in perfektem Deutsch die Baukunst der Antike.

Seither hat Palmyra keine Gäste mehr gesehen. Stattdessen kamen Besucher mit ganz anderen Motiven: Raubgräber, die die antiken Stätten systematisch plünderten, um sie ins Ausland zu verscherbeln. Die jüngste Brutalität der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bedeutete den weitgehenden Verlust des Weltkulturerbes. Der Baal-Tempel: gesprengt. Khaled Asaad, früher Chefarchäologe Palmyras: enthauptet. Das Wunder Palmyra: verloren - so wie das Land und seine Menschen.

Als das syrische Regime am 15. März 2011 einen scheinbar unbedeutenden Vorfall zum Anlass nahm, die ganze Gnadenlosigkeit und Härte des Einschüchterungs- und Überwachungsstaats unter Beweis zu stellen, erahnte niemand die Dimension der Katastrophe. Schüler hatten - wohl angespornt durch das Aufbegehren in anderen arabischen Staaten - Parolen an Hauswände der Kleinstadt Deraa im Süden Syriens gesprüht: "Das Volk will den Sturz des Regimes."

Das schlug eiskalt zurück. Ein Dutzend Minderjährige wurde ins Gefängnis geworfen, auch gefoltert. Proteste der Eltern lösten eine Kettenreaktion aus. Immer mehr Einwohner von Deraa forderten die Freilassung der Kinder. Die Staatsmacht schoss auf Demonstranten, die bald auch die schlechte Versorgung, unfähige, korrupte und arrogante Behörden sowie den Mangel an Freiheit zum Thema ihrer Proteste machten. Die breiteten sich aus wie ein Flächenbrand - trotz Mord, Haft und Folter. Der Aufstand gegen den Diktator Baschar al Assad hatte begonnen. Der 15. März 2011 markiert den Auftakt eines beispiellos aussichtslosen Dramas.

Dabei hatten die Syrer durchaus Hoffnung in den jungen Assad gesetzt. Als er im Juni 2000 mit nur 34 Jahren das Präsidentenamt übernahm, lagen hinter Syrien 30 Jahre eines eisenharten Regimes, mit dem Vater Hafis al Assad das Land regiert hatte. Sein Sohn Baschar studierte in London und wollte Augenarzt werden. Er musste die Staatsspitze übernehmen, weil der dafür vorgesehene Bruder Basil bei einem Autounfall umgekommen war.

Baschar al Assad erhielt wie viele vermögende Araber seine Ausbildung im Westen. In Großbritannien wuchs auch seine syrische Frau Asma, eine Bankerin, auf. Der Weltläufigkeit des jungen Paars trauten viele Syrer ein liberaleres Klima in ihrem Land zu. Vom perfekt englisch parlierenden Baschar und seiner Frau mit Model-Qualitäten versprachen sie sich frischen Wind im politisch isolierten Syrien.

Doch der sogenannte Damaszener Frühling war schnell vorüber. Assad junior eiferte bald seinem Vater nach - oder musste es, weil die "alte Garde", also die Getreuen seines Vaters, keine Reformen wollte, sondern weiter auf Härte pochte. Politische Debatten und Freiheit der Kunst endeten für viele Intellektuelle in den berüchtigten Staatsgefängnissen.

Lediglich eine gewisse wirtschaftliche Liberalisierung lockerte die Fesseln der ineffizienten sozialistischen Planwirtschaft. Allerdings war es für die meisten Geschäftsleute mit den Freiheiten bald wieder vorbei. Einige wenige Vertraute aus dem Umfeld Assads wie sein Cousin Rami Machluf rissen sich das lukrative Business unter den Nagel - mit Gewalt und Erpressung. "Passenderweise" war Machlufs Bruder denn auch Geheimdienstchef von Damaskus. Assads Bruder Maher befehligt die zum Machterhalt unverzichtbaren militärischen Einheiten mit den zugehörigen Geheimdiensten, von denen Syrien etwa ein Dutzend kennt, geschult auch von der DDR-Staatssicherheit.

Dem Führungszirkel der syrischen Machtzentrale ist eins gemein: Dort haben Alawiten das Sagen, Angehörige einer vom schiitischen Islam abgespaltenen Religion. Nur gut zehn Prozent der Syrer gehören ihr an, doch diese Minderheit bildet die herrschende Klasse. Alawiten stellen 70 Prozent im Offizierskorps, Alawiten sitzen an den Schaltstellen des Staatsapparats. Auch das erklärt, warum das System Assad bis heute überleben konnte. Die sunnitische Bevölkerung bleibt trotz ihrer 70- Prozent-Mehrheit machtlos oder ist lediglich formal ins Staatswesen eingebunden, ebenso die christliche Minderheit. Syriens Führung hat zudem seit 1970 jede Entwicklung einer Zivilgesellschaft im Keim erstickt.

Angst und Terror haben unter den Assads Tradition. Vater Hafis schlug 1982 einen Aufstand der Muslimbrüder in Hama nieder. Bis zu 30.000 Menschen starben damals im Bombenhagel. Auf 150 Syrer kam zu Beginn des Bürgerkriegs ein Staatsspitzel. Das Netz der Geheimdienste sollte jeden Widerstand unterbinden. Die Macht verteidigen, koste es, was es wolle, daran ließ Assad nie Zweifel. Man werde bis zum Ende kämpfen, selbst wenn das Chaos im Nahen Osten bedeute, erklärte die Führung in Damaskus in den letzten viereinhalb Jahren wiederholt. 220.000, 250.000 oder noch mehr Tote später hält sich Baschar al Assad noch immer, wenn auch angeschlagen. Er stützt sich und seinen Krieg auf Russland und den Iran. Dennoch hat Assad bis zu 85 Prozent seines Territoriums verloren. Die Hälfte der 23 Millionen Syrer ist auf der Flucht.

Weil die Einmischung von Welt- und Regionalmächten in Syrien jede Hoffnung auf eine Konfliktlösung verhindert, ist ein Ende der Katastrophe nicht in Sicht. Weil Assad Unterstützung erhält, um seine Macht mit aller Macht zu verteidigen, leidet das Volk weiter. Weil die Opposition sich dauerhaft zerstritten präsentiert, bleibt sie ein Totalausfall für eine politische Lösung. Weil wie schon im Irak vormals problemlos Seite an Seite lebende Konfessionen nun tödlich verfeindet sind, erhält die Gewalt immer neue Nahrung. Weil das Ausland, zuallererst die USA, nach Erfahrungen im Irak und in Libyen eine weitere militärische Intervention scheut, kann sich Assad halten.

Von all dem profitiert der Terror, in erster Linie der IS. Das nimmt geduldigen, unvorstellbar leidensfähigen Syrern den letzten Mut. Deshalb verlassen sie in Massen ihre Heimat. Millionen Syrer vagabundieren durch ihr völlig zerstörtes Land, Millionen haben Zuflucht vor allem bei den Nachbarn Türkei, Libanon und Jordanien gefunden. Dessen haschemitische Monarchie registriert bei nur sechs Millionen eigenen Staatsbürgern 650.000 syrische Flüchtlinge. Hinzu kommen Hunderttausende aus dem Irak.

Viele Syrer wollen nah der Heimat ausharren, weil sie auf baldige Rückkehr hoffen. Doch nach drei Jahren, etwa im jordanischen Wüstenlager Zaatari, haben sich viele Sehnsüchte in der Sommerglut und bei ständigen Sandstürmen zerschlagen. Wer außerhalb der Lager eine überteuerte Bleibe bei geldgierigen Vermietern fand, dem gehen die Ersparnisse aus. Minderwertige Jobs können das nicht kompensieren. Internationale Hilfe fließt inzwischen seltener nach Jordanien. Auch weil dort Gelder im Staatshaushalt versickern, statt Flüchtlingen zugute zu kommen.

Die Folge: Kinder haben seit Jahren keine Schule mehr gesehen, müssen stattdessen arbeiten oder werden als Mädchen minderjährig verheiratet. Zwei Drittel der syrischen Flüchtlinge in Jordanien leben nach Angaben der Hilfsorganisation Care unter der Armutsgrenze.

Bei den einfachen Jordaniern kippt die Stimmung nach Jahren arabischer Solidarität. Wenn in dem wasserarmen Land der Tankwagen nur noch alle zwei Wochen in die Dörfer kommt, weil das Wasser wegen der Geflüchteten nicht für mehr reicht, kann Anteilnahme in Aggression umschlagen. Gleiches gilt, wenn Schulen und Krankenhäuser überfüllt sind, wegen der Bettler oder der Billigkonkurrenz am Arbeitsplatz.

Doch wer noch kann, der verlässt Syrien. Denn die Syrer wissen: Terror, Krieg, Vertreibung und die weltweit größte humanitäre Katastrophe werden noch lange dauern. Der Vergleich mit dem Dreißigjährigen Krieg scheint nicht aus der Luft gegriffen. Selbst wenn das syrische Drama irgendwann einmal beendet wird: Kann man in dem völlig zerstörten Land dann noch leben? Und überhaupt: Was kommt nach Assad?

Die Mittelschicht, also zumeist Ingenieure, Ärzte und Geschäftsleute, die in Damaskus und vom Krieg weniger getroffenen Regionen wie der Küste überlebt hat, verfügt noch über Reserven, um den Weg nach Europa zu finanzieren. Sie denken an ihre Kinder und ihre Zukunft. Aus Deutschland hören sie von Landsleuten: "Hier werden wir wie Menschen behandelt - anders als in Syrien." In ihrer Heimat können Hunderttausende keine Perspektive mehr erkennen. Ihre Hoffnung ist endgültig zerstört - wie das antike Palmyra.

Unser Gastautor, 1949 in Berlin geboren, hat als WDR-Hörfunkkorrespondent von 2008 bis 2013 als Leiter des ARD-Studios im jordanischen Amman über den Irak, Syrien, Kuwait und die Golfstaaten berichtet. Er gilt als ausgewiesener Nahost-Kenner.

Quelle: RP
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