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Exil macht erfinderisch
Syrische Flüchtlinge erfinden sich ihre Jobs selbst

Aley. Sprachunterricht per Video-Übertragung, Restaurants, Baufirmen oder Designbüros - im Exil beweisen viele Flüchtlinge Gründergeist. Von Iris Mostegel

In einem Wohnzimmer in den Bergen des Libanon steht die Wanduhr auf 16:57 Uhr. Asalah Razzouq ist spät dran. Hastig eilt die 32-Jährige in den Nebenraum, um ihr Notebook zu holen. Ein Blick auf die Wanduhr, eine Minute noch, Notebook auf den Klapptisch, Stecker rein, geschafft. Der Zeiger jetzt steht auf fünf, und im Wohnzimmer läutet der Skype-Anschluss der Syrerin.

"Ahlan, keefik?", ruft eine Männerstimme aus Michigan in den Bildschirm. "Gut, danke!", antwortet Razzouq. "Und dir?" Am anderen Ende der Leitung sitzt ein amerikanischer Ethnologe. 60 Minuten lang wird die ehemalige Sekretärin mit dem Ethnologen über Hochzeitsbräuche in Syrien und den USA sprechen - kaum ein Wort Englisch, fast alles auf Arabisch. Bald wird der Ethnologe für eine Feldforschung nach Jordanien reisen, bis dahin soll Razzouq seine Sprachkenntnisse auf Vordermann gebracht haben.

2013 vor den syrischen Kriegswirren in die Berge des Libanon geflohen, war Razzouq 653 Tage ohne Arbeit. Nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil sie nicht durfte, denn für die rund 1,2 Millionen syrischen Flüchtlinge hält der Vier-Millionen-Einwohnerstaat Libanon wesentliche Bereiche seines Arbeitsmarkts verschlossen. Also wich die 32-Jährige vor einigen Monaten aufs Internet aus, genauer gesagt auf eine Plattform namens "NaTakallam", arabisch für "Wir sprechen".

So heißt die im Vorjahr gegründete Skype-Sprachschule, die (vor allem) Konversationsstunden für syrisches Arabisch anbietet und für die ausschließlich Flüchtlinge aus Syrien arbeiten - ehemalige Anwälte, Architekten und Studenten. Nur wenige haben eine Ausbildung als Lehrer, dafür aber Enthusiasmus und viel zu erzählen. Derzeit haben die 25 Sprachlehrer 230 Kunden rund um den Globus: In den USA, in England und in Australien, in Frankreich, der Schweiz und in Schweden, ja sogar bis nach Singapur und Alaska hat sich die virtuelle Lehranstalt bereits herumgesprochen.

Dabei war das Ganze bis vor 13 Monaten nichts als eine Idee. Für einen Startup-Wettbewerb an der New Yorker Columbia University hatte die 31-jährige Libanesin Aline Sara das Grundkonzept: Bringe die Sprachkenntnisse von syrischen Flüchtlingen im Libanon mit dem steigenden Bedarf nach Unterricht in umgangssprachlichem Arabisch zusammen und biete das Ganze mit 15 US-Dollar pro Stunde günstig an. Zehn Dollar davon wandern direkt in die Tasche der Flüchtlinge.

Den Startup-Wettbewerb gewann die in New York aufgewachsene Sara zwar nicht, den Test im wirklichen Leben schon. "Inzwischen haben sich unserem Lehrstab auch syrische Flüchtlinge aus Brasilien, Kairo, Paris und Berlin angeschlossen", erzählt die frühere Journalistin. "Und falls es die Nachfrage gibt, könnten wir das Projekt künftig ausweiten, etwa auf Flüchtlinge aus dem Irak, Jemen und Palästina, die dann ihre regionalen Dialekte unterrichten." Abgesehen davon seien bereits jetzt Gespräche mit Universitäten aus dem anglophonen Raum am Laufen, um die Skype-Konversationskurse als Ergänzung zum traditionellen Lehrplan in den Arabischunterricht zu integrieren.

Ein unkonventionelles Projekt mit Expansionspotenzial. Doch auch außerhalb des Libanon scheint die Flüchtlingskrise wie eine Triebfeder für kreative Job-Lösungen zu wirken. Wie etwa der erfolgreiche Gourmet-Zustellservice "Eat Offbeat" in New York beweist, wo Flüchtlinge aus dem Irak, Eritrea und Nepal als Küchenchefs die Großstadt-Kunden mit Spezialitäten aus ihrer Heimat beliefern. Oder das im Vorjahr an den Start gegangene "Hotel Magdas" in Wien, das von Flüchtlingen betrieben wird.

Schon versucht ein Projekt, diese Dynamik zu kanalisieren. Das "Ignite Small Business Start-ups" ist ein Gründerservice für Flüchtlinge. Mit Hilfe eines engmaschigen Mentoren- und Freiwilligennetzwerks lässt die Initiative der australischen Non-Profit Organisation "Settlement Services International" (SSI) seit 2013 die Geschäftsideen unternehmensfreudiger Geflüchteter Wirklichkeit werden. Obwohl die mitunter noch keine drei Wochen im Land sind und über keinerlei Englischkenntnisse verfügen, wie Programmkoordinatorin Dina Petrakis berichtet. 44 Firmen hätten Flüchtlinge seit dem Programmstart vor zweieinhalb Jahren gegründet. Die Palette reiche von der Baufirma und Fotoagentur bis zum Süßwarengeschäft, Friseurladen oder Modedesignbüro. "Die Flüchtlinge kommen voller Enthusiasmus ins Land. Das muss man sich einfach zunutze machen", meint Petrakis. Auch in Europa könnte die australische Gründerinitiative für Flüchtlinge Schule machen. Die Berliner Initiative "Migrationhub" glaubt an Projekte mit syrischen Flüchtlingen, denn in der arabischen Welt sind Syrer vor allem für zweierlei bekannt: ihr Unternehmertum und ihren Geschäftssinn.

In den Bergen Libanons hat Asalah Razzouq ihre vierte Unterrichtsstunde an diesem Tag beendet. Insgesamt 40 US-Dollar hat sie damit verdient. Ein kleines Einkommen, das ihr obendrein jeden Tag einen Blick in das Leben im Westen verschafft. Doch Razzouqs großer Traum liegt nicht im Westen, sondern in Syrien. "Frieden", sagt die 32-Jährige. "An dem Tag, wo in Syrien Frieden ist, kehre ich zurück." Die Arbeit als Skype-Lehrerin würde sie dabei aber gerne behalten.

Quelle: RP
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