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Kolumne Gott und die Welt
Tankstellen für die Seele

Köln. 44 Autobahnkirchen gibt es in Deutschland. Sie laden ein, einen Gang zurückzuschalten. Wohl auch deshalb steigt ihre Besucherzahl. Von Rainer Maria Kardinal Woelki

Autobahn-Raststätten, so sagte es einmal der französische Ethnologe Marc Augé, zählen zu den "Nicht-Orten": Sie schaffen weder Identität noch Wärme. Stattdessen stehen sie für Einsamkeit und Gleichförmigkeit. Die Menschen sind kaum da und fast schon wieder weg. Durchreisende, die nichts eint außer ihrer Anonymität.

Eine treffende Beschreibung, die wohl jeder, der einmal bei einer langen Autobahnfahrt einen Stopp eingelegt hat, teilen wird. Ganz anders hingegen lassen sich Autobahnkirchen beschreiben. Sie sind so ziemlich das Gegenteil eines üblichen Tank- und Rastplatzes. Klar, auch hier begegnen sich Unbekannte und bleiben manchmal nur wenige Minuten. Doch sie kommen bewusst. Sie kommen, weil der seelische Tank leer ist, nicht der des Fahrzeugs.

44 Autobahnkirchen gibt es an den deutschen Schnellstraßen, ein Drittel davon ist ökumenisch, acht sind katholisch, die übrigen evangelisch. Diese Kirchen laden morgen, am bundesweiten Tag der Autobahnkirchen, zu Andachten oder Gottesdiensten ein.

Anders als in manchen Gemeinden steigt die Zahl der Kirchenbesucher an den Autobahnen auf zuletzt eine Million im Jahr. Der Drive-in für die Seele ist auch deshalb so gefragt, weil er ein Ort der inneren Einkehr, der Besinnung inmitten millionenfacher Hektik und Rastlosigkeit ist. Hier kommt Kirche zu den Menschen und umgekehrt: Menschen kehren ein - unterbrechen eine Fahrt, um innezuhalten.

In den meisten Autobahnkirchen liegen Fürbitt-Bücher für die Anliegen der Besucher aus. Ein Blick hinein zeigt: Fremde werden zu Menschen mit einem Namen, einer Herkunft, einem besonderen Ziel. Das genau unterscheidet die Autobahnkirche vom Rastplatz nebenan. In den Fürbitten geht es zwar auch darum, sicher ans Ziel zu kommen, aber viele Anliegen liegen tiefer, geben Einblick in die Sehnsüchte und Hoffnungen der Reisenden.

"Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen", heißt es im Matthäus-Evangelium (11, 28). Diese Einladung ist die Einladung der Autobahnkirchen. Wer in seinem Leben gerade noch auf die Tube gedrückt hat, dem tut es einfach gut, einen Gang zurückzuschalten und vielleicht eine Kerze anzuzünden. Das Zwiegespräch mit Gott auf der Autobahn des Lebens - es kann so einfach und wohltuend sein. Es ist ein Geschenk für die Seele. So wie das freundliche Nicken einer Verkäuferin an einer Autobahnraststätte, die die Anonymität ebenfalls für Augenblicke durchbricht auf Größeres hin.

Ihnen allen gute Fahrt!

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

 
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