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Analyse
Tatort Pfarrhaus

Berlin. Die Opfer von sexuellem Missbrauch durch katholische Priester sind überwiegend männlich; Stätte solcher brutalen Vergehen sind zumeist die Wohnungen der Geistlichen. Das sind die Zwischenergebnisse einer neuen Studie. Von Lothar Schröder

Von den sexuellen Missbrauchsfällen in Deutschland durch katholische Priester redet kaum noch jemand. Selbst Veranstaltungen zum Thema sind selten geworden; und die wenigen - etwa auf Katholikentagen - werden mäßig besucht. Der Skandal hat offenbar seine Wucht verloren; nicht aber seinen Schrecken, und vor allem nichts von der Not und dem Leid der Opfer.

Wie groß diese ist, lässt sich erahnen und etwas besser begreifen an den Zwischenergebnissen einer neuen Studie - im Auftrag der Kirche und unter Beteiligung aller 27 Bistümer. Obwohl es nur eine sogenannte Meta-Analyse ist (sie wertet 40 Studien verschiedener Länder zum Thema aus), gewinnt das Unfassbare an Kontur.

So sind die Opfer mit über 78 Prozent weit häufiger männlich als in nicht-katholischen Institutionen; dort sind es nicht einmal die Hälfte aller Opfer. Aufschlussreich ist zudem die Aussage über den Tatort: Die Wohnung des Täters - also das Pfarrhaus - steht dabei an erster Stelle (24,4 Prozent). Es folgen die Schule (12,8) sowie öffentliche Plätze (10,4). Aber auch das Umfeld der Kirche selbst wird zum schrecklichen Schauplatz sexueller Übergriffe, besonders vor oder nach dem Gottesdienst (9,3).

Solche Zwischenergebnisse erscheinen zunächst wie die peniblen und nur noch bürokratischen Rekonstruktionen furchtbarer Straftaten. Doch das Wissen um die Tatorte gibt bereits wichtige Hinweise darauf, wie sexuelle Übergriffe künftig schon im Vorfeld vermieden werden könnten. Dazu zählt dann auch die Erkenntnis, dass 43,9 Prozent der Täter mehrere Opfer heimsuchten. Frühe Hinweise beziehungsweise Anzeigen von Missbrauch könnten vor diesem Hintergrund eine Reihe möglicher Folgetaten unterbinden. Der Zwischenstand der Studie dient also nicht nur der Erinnerung an die Untaten sogenannter Seelsorger; sie können auch zu einer weiteren Sensibilisierung der Menschen führen und möglicherweise zur Vereitelung weiterer Taten führen.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass mehr als die Hälfte der Übergriffe geplant ist und als Tatmittel zumeist eine sogenannte Belohnung des Opfers dient. Aber auch Gewaltandrohung und -anwendung spielen eine Rolle. Besonders perfide - wenn auch nicht allzu häufig - ist die religiöse Einbettung des Missbrauchs. Dies geschah in 5,8 Prozent der Fälle.

Erschreckend ist das Profil der Täter - also der Geistlichen, die in den Gemeinden moralische und lebenspraktische Vorbildfunktionen haben sollten. Bei den psychischen Merkmalen der Täter ermittelten die Forscher am häufigsten sexuelle Unreife (29,6 Prozent), Persönlichkeitsstörungen (21,6), Merkmale der Pädophilie (17,7) sowie Alkoholmissbrauch (13,1). In geringeren Umfängen gehören zu diesen bedenklichen Persönlichkeitsprofilen zudem Verhaltensauffälligkeiten schon im Kinder- und Jugendalter der Priester, depressives und zwanghaftes Verhalten, wie auch Schizophrenie.

Das sind, wie gesagt, Merkmale der Täter. Es sind aber auch Menschen, die eine lange, intensive Ausbildung genossen und als geweihte Priester verantwortliche Leitungsfunktionen eingenommen haben. Die Krankheitsbilder stellen damit die katholische Kirche vor die Aufgabe, die Ausbildung der Priester zu reformieren wie auch die Begleitung von Seelsorgern im Amt zu intensivieren. Ganz zu schweigen vom Fehlverhalten der Vergangenheit, in der Missbrauchsfälle entweder gar nicht zur Anzeige kamen oder auffällig gewordene Straftäter versetzt wurden, ohne dass die neue Dienststelle darüber in Kenntnis gesetzt wurde.

Worüber? Auch darüber gibt die Meta-Analyse eine grausam genaue Auskunft. So kam es in den allermeisten Fällen - das heißt in über 75 Prozent der 12.910 dokumentierten Taten - mit unterschiedlichen Intensitäten zu direktem Körperkontakt, sogenannten Hands-on-Handlungen.

Das alles kann man auflisten und auswerten. Was es im Einzelfall bedeutet, ist der jeweiligen Anteilnahme überlassen. In der Anonymität der Zahlenkolonnen bleiben die bedrückenden Folgen für die Opfer in Erinnerung: Sie reichen bei den Befragten von Alpträumen (14,2) und Angststörungen (10,6) bis hin zu einem gestörten Sexualverhalten (10,1), Depressionen (9,7) und aggressivem Verhalten (7,3). In etwas geringerem Maße bleiben bei den sexuell Missbrauchten Scham- und Schuldgefühle zurück, posttraumatische Belastungsstörungen und Suchtverhalten.

Das sind Ergebnisse quasi nach bestehender Aktenlage. In einem zweiten Schritt will das Konsortium der Wissenschaftler um den Psychiater Harald Dreßing und den Kriminologen Dieter Dölling nun Personal- und Strafakten der katholischen Kirche in Deutschland auswerten, Interviews mit Betroffenen führen und eine anonymisierte Online-Umfrage starten. Exemplarisch wurden für diese Analysen die Bistümer Bamberg, Berlin, Essen, Freiburg, Hamburg, Magdeburg, Paderborn, Speyer und Trier ausgewählt. Ende 2017 sollen auch diese Daten ausgewertet sein.

Mit den ersten Ergebnissen der Studie hat der Abgrund Zahlen bekommen, keine Gesichter. Sexueller Missbrauch ist aber immer ein Einzelfall, der eine besondere Beachtung verdient. Doch auch das Umfeld spielt eine Rolle, das solche Straftaten möglich macht und Straftätern Gelegenheiten eröffnet. Dazu gehört die katholische Kirche. Die 1700 "Anträge auf Anerkennung des Leids", die der deutschen Bischofskonferenz bisher vorliegen, beschreiben ein solches Umfeld. Wenn Ende 2017 viele Ergebnisse publiziert werden, ist das erste Bekanntwerden der umfänglichen Missbrauchsfälle sieben Jahre her. Die Studie markiert kein Ende und sie ist noch keine Therapie. Sie ist erst der Anfang des Vertrauensgewinns einer Institution, die in furchterregend vielen Fällen ihre eigenen moralischen Ansprüche verhöhnte.

Quelle: RP
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