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Brüssel
Terrorangst: Brüssel steht still

Terrorwarnung: Brüssel wirkt wie ausgestorben
Terrorwarnung: Brüssel wirkt wie ausgestorben FOTO: afp, JT/MS/MR
Brüssel. Die Regierung löst höchste Alarmstufe aus und spricht von ernster Bedrohung: Geschäfte bleiben weitgehend geschlossen und öffentliche Veranstaltungen sind abgesagt. Die Polizei fahndet nach potenziellen Attentätern von Paris. Von Christopher Ziedler

So ruhig sind Sonntage in Brüssel nie. Normalerweise tummeln sich Tausende von Einwohnern der belgischen Hauptstadt auf den Märkten, von denen der am Gare du Midi der größte ist. Diesmal sind sie alle abgesagt: Terrorgefahr.

Schon am Freitagabend konnte, wer aus dem Kino hinaus auf den Boulevard Ansbach in der Brüsseler City strömte, etwas von der veränderten Stimmung in der Stadt erahnen. Soldaten mit Sturmgewehren patrouillierten zwischen Place De Brouckère und alter Börse. In der Nacht zu Samstag, wenige Stunden später, war es dann offiziell: Das Lagezentrum der belgischen Regierung ordnete für den Großraum Brüssel die höchste Terrorwarnstufe 4 an, die auf eine "unmittelbar" bevorstehende "sehr ernste Bedrohung" hinweist.

Warum das geschah, versuchte Premierminister Charles Michel am Samstag zu begründen. "Dies ist das Ergebnis ziemlich präziser Informationen zur Gefahr von Anschlägen, ähnlich denen, die sich in Paris ereignet haben", sagte der 39-Jährige - "mit Waffen und Sprengstoff und möglicherweise an mehreren Orten gleichzeitig". Mehr Details wollte er nicht verraten, außer dass der öffentliche Nahverkehr und Einkaufszentren den Hinweisen zufolge besonders gefährdet sind. Gestern wurde die höchte Alarmstufe verlängert. Wie lange der Ausnahmezustand noch dauern soll, weiß niemand

In dieser unklaren Lage blühten die Spekulationen. Gestern vermeldete ein Radiosender, die Polizei mache Jagd auf zehn Personen. Zuvor hatte der Bürgermeister der Teilgemeinde Schaerbeek, Bernard Clerfayt, von einem Duo potenzieller Attentäter gesprochen: "Wir haben erfahren, dass sich zwei Terroristen auf Brüsseler Territorium befinden und gefährliche Taten verüben könnten." Am Abend startete die Polizei im Zentrum von Brüssel einen groß angelegten Anti-Terror-Einsatz. Mehrere Straßen in der Nähe des zentralen Marktplatzes Grand Place wurden abgesperrt, berichtete ein Reporter des belgischen Radios RTBF. An einer Straße sei ein Linienbus quergestellt worden, um den Verkehr zu stoppen. Die Polizei sprach von "verschiedenen Operationen", die im Gange seien.

Fotos: Anti-Terror: Polizei riegelt Zentrum von Brüssel ab FOTO: dpa, h0 bjw

Als sicher gilt, dass Salah Abdeslam aus dem Brüsseler Teilort Molenbeek, der dort ein Auto für die Pariser Attentäter mietete und ihnen womöglich selbst angehörte, anschließend zurück nach Belgien floh, wo er in Molenbeek vermutet wird und schon mittels mehrerer Razzien gesucht wurde. Anwältin Carine Couquelet, die den Mann vertritt, der Abdeslam in der Anschlagsnacht abgeholt haben soll, berichtete am Wochenende, dass Abdeslam bei der Rückkehr wohl noch eine Sprengstoffweste trug. Auf die Frage, ob Abdeslam alleiniger Grund für die Alarmbereitschaft sei, sagte der belgische Innenminister Jan Jambon: "Leider nicht."

Im Verlauf des Wochenendes zeigt sich dann, dass die höchste Warnstufe nichts Abstraktes ist, sondern ganz praktische Folgen hat. Schließlich soll die Bevölkerung "Plätze mit vielen Menschen meiden". Es fuhren keine U-Bahnen mehr, da die Behörden die Metro zunächst bis gestern Nachmittag geschlossen hielten. Der samstägliche Einkaufsbummel in der Innenstadt fiel aus, da viele Geschäfte den Ratschlag befolgt hatten, erst gar nicht die Rollgitter hochzufahren.

Offiziell verboten war die Öffnung großer Shopping Malls. Theatervorstellungen und Konzerte am Abend wurden abgesagt, darunter auch das der französischen Legende Johnny Hallyday, der sich anschließend mächtig über die vermeintlichen Gotteskrieger des Islamischen Staats (IS) ausließ: "Wäre ich kein Sänger, würde ich zur Waffe greifen und sie bekämpfen." Die Messehalle 12, wo Hallyday nun erst im März auftreten soll, liegt unweit des Atomiums, das keine Besucher in seinem Innern empfing - so wie auch viele Kinos, Schwimmbäder, Büchereien oder Museen das gesamte Wochenende über geschlossen blieben. Auch im "You", einer der angesagtesten Diskotheken, wurde nicht gefeiert. Und das Fußballspiel des Brüsseler Vorortclubs RSC Anderlecht in Lokeren wurde verschoben.

Die Treffen der EU-Finanzminister und der EU-Bildungsminister sollen heute aber wie geplant stattfinden. Auch die EU-Kommission will normal arbeiten. Premier Michel kündigte an, dass von Tag zu Tag neu über die Situation entschieden werde.

Von einer weiterhin hohen Gefahr für Belgien geht der Extremismusforscher Johan Leman aus: "Für den IS ist Belgien ein Teil Frankreichs, zumindest der französischsprachige Teil - das ist für die Terrorristen ein Kampfgebiet."

Quelle: RP
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