| 10.26 Uhr

Berlin
Therapie von Pädophilen soll Kassenleistung werden

Berlin. Krankenkassen stellen bis 2022 jährlich fünf Millionen Euro für ein Modellprojekt zur Prävention sexuellen Missbrauchs bereit.

Die Finanzierung von Therapien für pädophile Männer soll auf sichere Füße gestellt werden. Die Krankenkassen finanzieren das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" künftig als Modellprojekt mit dem Ziel, die Behandlung zu einer Kassenleistung zu machen, wie der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Lutz Stroppe, gestern in Berlin mitteilte. Dafür sollen bis 2022 fünf Jahre lang je fünf Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden.

Das ist eine deutliche Steigerung. Gegenwärtig beläuft sich der Etat des Netzwerks in Berlin und zehn weiteren Städten auf insgesamt etwa 1,4 Millionen Euro jährlich. Darin sind auch Förderungen durch die Bundesländer enthalten.

Die Verhinderung von sexuellem Kindesmissbrauch sei eine Aufgabe, die alle angehe, sagte Stroppe. Die notwendigen Gesetzesänderungen sollen im November vom Bundestag und im Dezember vom Bundesrat verabschiedet werden. Mit dem Geld werden Therapien und Nachsorgegruppen für pädophile Männer, Forschungsprojekte und Auswertungsstudien bezahlt.

Das Präventionsprogramm für pädophile Männer wurde 2005 an der Charité gegründet und ist am Berliner Standort vom Bundesjustizministerium mit zuletzt 585.000 Euro finanziert worden. Die Förderung läuft Ende des Jahres aus und wird 2017 übergangsweise vom Land Berlin übernommen.

Der Sprecher des Netzwerks und Leiter des Instituts für Sexualmedizin an der Charité, Klaus M. Beier, zog eine positive Bilanz. Aktuelle Nachuntersuchungen hätten ergeben, dass das Programm die Risikofaktoren für sexuellen Kindesmissbrauch mindere. Die Teilnehmer der Therapiegruppen lernten, ihr Verhalten zu kontrollieren.

Die Zahlen sind niedrig, müssen aber vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Therapeuten in Berlin und anderen Städten mit Männern arbeiten, die sich mehrheitlich bereits strafbar gemacht haben - ohne dass dies Polizei und Justiz bekannt geworden ist. 70 Prozent haben entweder Missbrauchsabbildungen im Internet konsumiert oder selbst einen Übergriff auf ein Kind begangen. Nur 15 Prozent derer, die Hilfe suchen, haben nach Beiers Angaben vor der Therapie weder sogenannte Kinderpornografie gesehen, noch sind sie übergriffig geworden.

Fünf Jahre nach der Therapie war von 23 Männern, die sich auf Nachfrage von Beiers Institut zurückgemeldet haben, keiner rückfällig geworden. In einer ersten Nachuntersuchung im Jahr 2010 waren es von 53 Männern noch fünf. Beier sagte, jeder Rückfall sei ein Problem. Schwierig sei auch, dass ein Teil der Männer weiterhin Missbrauchsdarstellungen angesehen habe.

Bei den Anlaufstellen des Netzwerks meldeten sich nur die Männer, die Hilfe suchen und ihr Verhalten kontrollieren wollen, sagte Beier. Pädophilie sei nicht heilbar, aber behandelbar. Den Forschern zufolge sind ein Prozent aller Männer pädophil, was in Deutschland einer Zahl von 250.000 entspricht.

Nach Angaben des Netzwerks haben bis Ende September 7.075 Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet beim Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" Hilfe gesucht. Knapp 2300 stellten sich zur Diagnostik und Beratung vor, 1264 wurde ein Therapieangebot gemacht. Insgesamt haben den Angaben zufolge 659 Männer eine Therapie begonnen und 251 sie erfolgreich abgeschlossen. 265 Männer befinden sich derzeit in gruppen- oder einzeltherapeutischer Behandlung.

(epd)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Berlin: Therapie von Pädophilen soll Kassenleistung werden


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.