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Thikra Alwasch regiert selbstbewusst
Die Bürgermeisterin von Bagdad

Thikra Alwasch ist die Bürgermeisterin von Bagdad
Thikra Alwasch regiert eine der gefährlichsten Metropolen der Welt. FOTO: twitter
Bagdad. Thikra Alwasch ist studiert, unverheiratet und selbstbewusst. Wie sie drängen immer mehr Irakerinnen in wichtige Positionen. Von Birgit Svensson

"Ich bin zwar die erste Frau auf diesem Posten, aber nicht die letzte." Thikra Alwasch empfängt in ihrem riesigen Amtszimmer im Rathaus von Bagdad. Massive Holzvertäfelung, tiefe Ledersessel, bunte Glasbausteine, Plastikblumen und ein leise plätschernder Zierbrunnen schmücken den Raum. Die 46-Jährige ist eine Sensation. Seit März ist die 1,64 Meter große Frau im pinkfarbenen, um den Kopf geschwungenen Schal Bürgermeisterin der irakischen Hauptstadt - die erste Frau auf diesem Posten in der Geschichte ihres Landes und die erste in der ganzen Region. Keine Frau vor ihr führte je die Geschicke einer arabischen Hauptstadt.

Als Iraks Premierminister Haider al Abadi Ende Februar vor das Parlament trat, sagte er nur: "Ich bringe euch eine unabhängige Kandidatin für Bagdad." Während die Gouverneure der 18 irakischen Provinzen gewählt werden, sind die Bürgermeister der Millionenstädte stets ernannt worden. In der Hauptstadt besorgte dies der jeweilige Regierungschef. Er werde die Rolle der Frauen im Irak stärken, betonte der Premier als eine seiner Prioritäten bei der Amtseinführung letzten September. Mit der Ernennung Alwaschs für den Top-Posten in Bagdad macht er ernst. "Ich werde allen zeigen, dass Frauen diesen Job packen", sagt Thikra Alwasch kämpferisch, "nach mir werden noch weitere Frauen kommen."

Eine Herkulesaufgabe

Alwasch steht allerdings vor einer Herkulesaufgabe. Fast täglich schrecken Bombenanschläge die Einwohner von Bagdad auf. Die Korruption im Land grassiert, auf der Liste von Transparency International rangiert der Irak auf Platz 170 von 174 Staaten. Gleichzeitig steht der Stadtkasse noch weniger Geld zur Verfügung: Jüngst wurde das Budget wegen sinkender Einnahmen aus dem Ölverkauf gekürzt.

Trotzdem werten viele in Bagdad Alwaschs Berufung als ein Zeichen der Hoffnung. "Die Zeit war reif für eine Frau oder einen Christen", heißt es aus Parlamentskreisen. Die Bagdader seien die ewigen Querelen zwischen den politischen, ethnischen und religiösen Gruppen leid. Alwasch selbst gehört keiner Partei an, die Bauingenieurin war zuvor als Generaldirektorin im Hochschulministerium angestellt und hat sich dort einen Ruf als kompetente Macherin erarbeitet. Dort hat sie auch gelernt, wie man beinhert geführte Machtkämpfe übersteht. Die schiitischen Parteien, die bis dahin den Chefposten in Bagdad stets mit ihren Anhängern besetzten, wollten das Terrain nicht widerstandslos aufgeben und machten Stimmung gegen sie als Frau und unabhängige Akademikerin. "Ich werde es ihnen schon zeigen", sagt Alwasch entschlossen.

Mit dieser Haltung ist sie im Übrigen längst nicht mehr allein. Trotz IS-Bedrohung und Terror sind die Frauen im Irak auf dem Vormarsch. Mehr und mehr Positionen werden von ihnen bekleidet. Egal wo man in Bagdad hinkommt, wird man von Frauen mit oder ohne Schleier empfangen. Eine Frau ist Managerin des größten privaten Medienkonzerns Al Mada, eine andere ist Leiterin der Deutschabteilung der Bagdad Universität oder Chefrezeptionistin in einem Fünf-Sterne-Hotel. Frauen sind Generaldirektorinnen in den Ministerien, Diplomatinnen im Ausland, Abgeordnete im Parlament, Unternehmerinnen, Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Journalistinnen. Frauen sind einfach überall, in fast allen Berufszweigen. Nur Bus- oder Bagger fahren sie noch nicht. Aber Taxifahrerinnen gibt es bereits. Und auf Baustellen arbeiten sie als Architekt oder Bauingenieur.

Frauen in Toppositionen noch selten

In absoluten Toppositionen allerdings sind Frauen auch im Irak noch selten. Von 29 Ministerien werden lediglich zwei von Frauen geleitet, die Provinzgouverneure sind ausnahmslos Männer. Allein die Universität Tikrit hatte eine Frau als Rektorin, bevor die Terrormiliz IS im Juni 2014 die Stadt einnahm und der Lehrbetrieb daraufhin eingestellt wurde.

"Die Frauen im Irak sind nicht mehr aufzuhalten", sagt Wassan Khalid Ibrahim, Koordinatorin für Frauenprojekte der Nichtregierungsorganisation IMC (International Medical Corps). Dafür hat sie einen interessanten Beleg. IMC hat im Zuge einer Studie herausgefunden, dass in einigen Bezirken Bagdads in den letzten fünf Jahren mehr als die Hälfte aller Ehen geschieden wurden. Landesweit liege die Scheidungsrate bei etwa 25 Prozent. Auch in den autonomen Kurdengebieten im Nordosten gibt es so viele Scheidungen wie noch nie. Dabei seien es immer mehr Frauen, die die Scheidung herbeiführten, obwohl dies für sie erhebliche Schwierigkeiten mit sich brächte. Während der Mann nach islamischem Recht sich innerhalb von Stunden scheiden lassen kann, kämpft eine Frau oft Monate, wenn nicht Jahre vor Gericht um die Trennung. In einer Gesellschaft, in der patriarchalische Strukturen dominieren und Frauen durch eine Scheidung einen erheblichen Verlust gesellschaftlicher Akzeptanz erleiden, kommt dieser Schritt einer Revolution gleich. "Die Scheidung ist ein Befreiungsschlag", ist Ibrahim überzeugt.

Viele der geschiedenen Frauen heiraten auch nicht wieder, sondern ziehen es vor, alleine zu leben und zu arbeiten. Andere heiraten erst gar nicht erst, um Karriere machen zu können. "Die irakischen Männer wollen Dienstmädchen und keine Partnerinnen", sagt Samarkand al Djabiri, die als Journalistin im staatlichen Mediennetzwerk arbeitet, 42 Jahre alt ist und unverheiratet. "Darauf haben immer weniger Frauen Lust." Auch Ghada al Amely, ebenfalls 42, Managerin des privaten Medienkonzerns Al Mada ist unverheiratet. Sie hat einen 14-Stunden-Tag. "Das kann keine Frau machen, die Familie hat." Auch Bagdads neue Bürgermeisterin ist Single.

Doch der Vormarsch der Frauen am Tigris hat auch noch andere Gründe als die Unzufriedenheit mit den Männern. In den dunkelsten Jahren des Terrors nach dem Sturz Saddam Husseins wurde praktisch die gesamte alte Elite ausgelöscht. Während des Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten 2006 bis 2008 wurden in Bagdad Hunderte Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren, Lehrer, Beamte, Geschäftsleute, Ingenieure und Journalisten ermordet, entführt, bedroht oder außer Landes getrieben - vorwiegend Männer. Jetzt braucht der Irak dringend eine neue Elite. "Frauen sind gut ausgebildet und haben große Chancen", beschreibt al-Amely die Situation. All die Jahre zuvor seien die jungen Männer im Krieg gewesen und die Frauen hätten studiert. Die Folgen zeigen sich jetzt. Die 40- bis 50-jährigen Frauen rücken nach und machen Karriere, denn schon wieder sind die Männer im Krieg - dieses Mal gegen den IS.

Transformationsprozesse, wie der Irak sie seit 2003 durchmacht, bergen Chancen und Risiken gleichermaßen. Viele Irakerinnen haben sich entschieden, sie als Chance zu sehen und für sich zu nutzen. Der Bausektor reagiert bereits auf die Veränderungen. Neubauten mit kleineren Wohneinheiten werden errichtet, um der Nachfrage nach Wohnraum für alleinstehende Frauen oder alleinerziehende Mütter gerecht zu werden. Während früher nach einer Trennung der Ehepartner die Frau zurück zu ihrer Familie zog, lebt sie heute zunehmend eigenständig und ernährt ihre Kinder oft ohne Unterhaltszahlungen des Ex-Ehemanns. "Das zwingt uns Frauen rauszugehen und die Angst vor dem Terror zu überwinden", erklärt Samarkand al Djabiri.

Quelle: RP
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