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Trauer in Haltern

Bundespräsident Joachim Gauck ist gemeinsam mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nach Westfalen gereist, um Mitschülern und Angehörigen der Toten sein Mitgefühl auszudrücken.

Trauergeläut begleitet die Schüler des Joseph-König-Gymnasiums auf ihrem Weg zum Gedenkgottesdienst in der Sixtuskirche im Ortskern von Haltern am See. Im Innern der Kirche brennen vor dem Altar 18 Kerzen in Erinnerung an die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen der Schule, die bei dem Flugzeugabsturz am Dienstag ums Leben gekommen sind. Als ihre Namen verlesen werden, legen Schüler weiße Rosen neben die Kerzen. Der örtliche Pfarrer spricht, ebenso Münsters Bischof Felix Genn. Er sagt: "Ich bin als Seelsorger und Mensch nach Haltern gefahren, um den Opfern und Angehörigen zu zeigen, dass ich - wie viele andere auch - im Gebet und in Gedanken mit ihnen verbunden bin." Ein gemeinsamer Ort für die Trauer sei wichtig. Haltern gehört zur Diözese des Bischofs.

Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt sind ebenfalls nach Haltern gereist, um mit den Schülern und Angehörigen zu trauern. Die Gedenkfeier findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Halterns Bürgermeister Bodo Klimpel spricht anschließend von sehr emotionalen und ergreifenden Momenten.

Das Präsidialamt hatte Gaucks Besuch auf Bitten der Verantwortlichen in Haltern vorher nicht bekanntgegeben. Das deutsche Staatsoberhaupt wird von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft begleitet. Gauck drückt sein Mitgefühl aus und verspricht den Hinterbliebenen seine Unterstützung. Er wechselt noch in der Kirche persönliche Worte mit den Eltern der Verunglückten, er reicht ihnen die Hand, manche umarmt er.

Nach einer Stunde läuten die Glocken erneut, die Schüler verlassen die Kirche genauso geschlossen, wie sie gekommen sind. Draußen haben sich Hunderte Menschen versammelt. Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt hat noch immer Tränen in den Augen, als sie sich von den anderen Gästen verabschiedet, auch die Sicherheitsleute des Präsidenten kämpfen mit den Tränen. Gauck umarmt Kraft, auch den Bürgermeister. Für einen längeren Moment wird es ganz still auf dem Vorplatz.

Anschließend richtet sich Gauck an die Öffentlichkeit. Angesichts der unfassbaren Tragödie entstehe ein "Band des Mitleidens und Mittrauerns". "In solchen Notsituationen spürt man, dass wir in einer Gesellschaft von Menschen leben und nicht nur von funktionierenden Wesen". Gauck spricht damit aus, was sich drei Tage nach der Katastrophe in der ganzen Stadt spüren lässt. Ein Band der Trauer bildeten auch die Schüler, als sie still und geschlossen zu Hunderten zur Kirche gezogen waren. Ein schweigender Zug junger Menschen, dicht gedrängt, viele gingen Hand in Hand.

Die 16 verunglückten Schüler gingen in die zehnte Jahrgangsstufe, seit einem Jahr lernten sie Spanisch. Sie waren im Rahmen eines Austauschprogramms für eine Woche zu ihrer Partnerschule bei Barcelona geflogen. Weil die Teilnahme daran sehr beliebt war, wurden die Plätze für den einwöchigen Trip ausgelost. Eine der beiden Lehrerinnen hatte erst im Herbst vergangenen Jahres geheiratet, die andere wollte bald vor den Traualtar treten.

Die Schüler des Gymnasiums werden von Notfallseelsorgern und Psychologen betreut. Zahlreiche Journalisten aus der ganzen Welt berichten seit Tagen aus der westfälischen Kleinstadt, die wie keine andere Gemeinde unter der Katastrophe zu leiden hat - denn in Haltern kenne jeder jeden, so Bodo Klimpel. Die Schüler aber haben genug von dem Medienrummel. Die täglich neuen Nachrichten über den Ablauf der Katastrophe haben den Schmerz der Stadt nicht gelindert. Sie wollen, dass man sie in Ruhe lässt, damit sie ungestört von ihren Klassenkameraden Abschied nehmen können.

In ihrer Trauer steht die westfälische Stadt mit ihren 37 000 Bewohnern zusammen. Das Ortsschild trägt Trauerflor, die Fahnen wehen auf Halbmast. In den Schaufenstern der Innenstadt haben Einzelhändler Kerzen angezündet, sie wünschen ihren Mitbürgern Stärke und Kraft, diese schwere Zeit zu überstehen.

VON F. DAME, C. LINNHOFF (BEIDE DPA) UND C. SCHWERDTFEGER

Quelle: RP
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