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Johannes Singhammer (csu), Dagmar Schmidt (spd), Corinna Rüffer (grüne)
"Mein Down-Kind ist besonders begabt"

Gewöhnlich trennen Abgeordnete Privates und Politik. Zum Welt-Down-Syndrom-Tag gehen drei von ihnen als Eltern an die Öffentlichkeit.

Berlin In Deutschland fürchten sich viele Paare davor, ein Kind mit Trisomie-21-Befund zu bekommen. Drei Bundestagsabgeordnete haben sich entschieden, zum Welt-Down-Syndrom-Tag am Montag über ihre Erfahrungen als betroffene Eltern zu sprechen. Politisch sind Dagmar Schmidt (SPD) aus Wetzlar, Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU) aus München und Corinna Rüffer (Grüne) aus Trier oft eher gegensätzlich unterwegs. Was sie verbindet, sind ihre Kinder (3, 24 und 5 Jahre alt), die alle drei das Down-Syndrom haben.

Wann haben Sie es erfahren?

Schmidt Nach der Geburt habe ich es gesehen. Es war sehr merkwürdig. Die Ärzte haben es zunächst selbst nicht geglaubt, weil mein Sohn sehr kräftig war, was eigentlich untypisch ist für Kinder mit Down-Syndrom, und dann haben sie sich nicht getraut, es mir zu sagen. RÜFFER Mein Arzt sagte nach der Geburt, Marlene könnte das Down-Syndrom haben. Das war kein Drama, es kam völlig natürlich rüber. SINGHAMMER Leo ist unser sechstes Kind. Es gab keine besonderen Hinweise. Wir haben es erst nach einer ersten Untersuchung erfahren.

Viele Paare machen den Test, um noch im Frühstadium der Schwangerschaft "reagieren" zu können. Wie war das bei Ihnen?

Schmidt Wir haben keinen Test gemacht, so dass es eine glückliche und entspannte Schwangerschaft wurde. Das Down-Syndrom war für uns auch gar nicht das Thema, weil Carl einen schweren Herzfehler hatte. Wir hatten Super-Ärzte, die an seinem Herzen ein Wunder vollbracht haben, so dass er jetzt, wenn alles so bleibt, ohne Einschränkungen großwerden kann. RÜFFER Wir haben auch keine Untersuchung machen lassen, weil diese für das Kind ja auch nicht ohne Risiko ist. Da es sich beim Down-Syndrom nicht um eine Krankheit handelt, hätten sich aus einer Diagnose keine medizinischen Notwendigkeiten ergeben. SINGHAMMER Für uns war klar, dass aus religiösen Gründen keine Abtreibung infrage kommt, insofern gab es auch keinen Test. Aber wir haben auch überlegt: Wie schaffen wir das? Das ist zunächst einmal keine leichte Situation.

Wie hat Ihre Umwelt reagiert?

Schmidt Sie haben sich alle mit uns gefreut, völlig normal. Carl ist ein sehr fitter, unternehmungslustiger Kerl, der auf alle offen zugeht. Alles andere ist kein Thema. RÜFFER Man hört zwar immer wieder, dass sich manche nicht trauen, zum Kind zu gratulieren. Wir haben das Gegenteil erlebt: ganz große Herzlichkeit. SINGHAMMER Das war vom ersten Augenblick an eine uneingeschränkte Akzeptanz. Leo ist jetzt 24 und von allen meinen Kindern als erster ausgezogen, mit 18, auf eigenen Wunsch, in eine WG. Die anderen waren länger zu Hause.

Was macht er jetzt?

Singhammer Er arbeitet in einer Werkstatt und erstellt die Rollos für die Lkw-Fahrerkabinen. Er hat eine Vorliebe für Bälle, tanzt also gern und liebt es, sich dafür ganz chic anzuziehen. Ohne Krawatte geht er nicht aus dem Haus. Er wird dieses Interview lesen und verstehen.

Und Ihre Kinder, Frau Schmidt, Frau Rüffer?

Schmidt Carl ist jetzt drei und sehr musikalisch, spielt Klavier und interessiert sich für Fußball und Bücher. RÜFFER Marlene ist fünf und tanzt ebenfalls total gerne. Und sie liebt das Waffelbacken. Bücher waren von Anfang an sehr wichtig für sie. SINGHAMMER Ja, Bücher spielen eine große Rolle. Und Fotoalben mit Familienbildern. Dafür fotografiert Leo auch gerne.

Warum gehen Sie den ungewöhnlichen Weg, das Private öffentlich zu machen?

Rüffer Ich mache mir große Sorgen um den Umgang der Gesellschaft mit Down-Kindern. Schon jetzt führen die erleichterten Tests dazu, dass 90 Prozent der Kinder, die mutmaßlich Down-Syndrom haben, abgetrieben werden. Das ist ein ganz trauriger Befund. Wir müssen anschaulich dagegenhalten, dass ein Mensch mit Down-Syndrom genauso wertvoll, genauso liebevoll ist und der Gesellschaft genau so viel zu bieten hat wie jeder andere. SCHMIDT Wir wollen Ängste vor dem Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom nehmen und klarmachen, dass es sehr bereichernd sein kann. Jede Entscheidung für oder gegen das Leben eines Kindes ist auch immer eine Botschaft an diejenigen, die mit Behinderung leben. Wenn sich die Gesellschaft gegen ein Leben mit Behinderten entscheidet, trifft das auch 96 Prozent jener Menschen, die ihre Behinderung erst im Laufe ihres Lebens bekommen. SINGHAMMER Wir brauchen die Botschaft, dass ein Mensch mit Trisomie 21 kein fehlerhaftes Leben hat. Er ist nicht behindert, er ist besonders begabt. Unser Sohn hat Fähigkeiten, die wir nicht haben. Er kann Situationen erspüren, die wir nicht wahrnehmen. Er freut sich viel unmittelbarer.

Gab es spezielle Schwierigkeiten?

Rüffer Mir fehlt dazu der Vergleich. Marlene ist stur wie ein Esel, aber das bin ich auch. Kinder mit Down-Syndrom haben gewöhnlich eine Muskelschwäche. Das hat sie nicht akzeptiert und von Anfang an besonders intensiv trainiert, um im inklusiven Kindergarten mit den anderen besser mithalten zu können.

Und schöne Momente?

Rüffer Vor allem immer wieder die Offenheit gegenüber anderen Menschen - aber mit sehr feinem Sensorium dafür, welche Menschen gut sind, und welchen man besser aus dem Weg geht. SCHMIDT Carl ist charmant und hat nach 30 Sekunden alle Herzen gewonnen. Er ist ein unglaublich fröhliches Kind. Aber ich weiß nicht, was davon Down-Syndrom ist und was Charakter. Man freut sich wie Bolle über alles, was er neu kann. Das ganze Dorf freut sich mit. SINGHAMMER Die Erfahrung habe ich ebenso gemacht. Leo weiß schon genau, was er machen muss, um seine Ziele zu erreichen. Aber es ist weniger berechnend, ursprünglicher. Das ist eine unglaubliche Offenheit, ein großes Vertrauen, das er anderen entgegenbringt.

Machen Sie aus der persönlichen Erfahrung eine besondere Politik?

Rüffer Wir haben zum Beispiel interfraktionell eine kleine Anfrage zum Pränatest gemacht, weil wir befürchteten, dass die pränatalen Untersuchungen ohne gesellschaftliche Debatte erleichtert werden. Damit haben wir erreicht, dass der Ethikrat nun einbezogen wird. SINGHAMMER Wenn wir uns die viel weiter gehenden Möglichkeiten in England anschauen, nur noch eine bestimmte Art von Mensch zuzulassen, dann ist das doch ein sehr gefährlicher Weg. RÜFFER Wir haben trotzdem Differenzen. Herr Singhammer argumentiert aus einer starken christlichen Haltung heraus. Für mich gilt die Entscheidungsfreiheit der Frau, ein Kind zu bekommen oder nicht. Aber die muss unabhängig von der Frage sein, ob das Kind behindert sein wird oder nicht. Sonst haben wir Diskriminierung. SINGHAMMER So kommen wir von unterschiedlichen Zugängen zum selben Ergebnis. SCHMIDT Das teile ich unbedingt. Die Entscheidung dafür oder dagegen muss unter vollkommener Aufklärung erfolgen. Eltern müssen die Zeit und die Möglichkeit haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen und mit anderen Eltern auszutauschen. Wenn ich mitkriege, dass Frauenärzte im Bekanntenkreis zur Abtreibung raten, weil ein Down-Syndrom festgestellt wird, dann wird mir richtig schlecht. Ich kenne Leute, die daraufhin abgetrieben haben und das im Nachhinein bereuen. Diese Vorstellung ist doch ganz fürchterlich. Dafür brauchen wir die Debatte, die Aufklärung und den Hinweis, dass man nicht alleine gelassen wird, dass es große Unterstützung gibt. Das müssen die Menschen wissen. SINGHAMMER Ja, es gibt Spezialisten, die Unglaubliches leisten. Es gibt eine großartige Förderung.

GREGOR MAYNTZ FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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