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Der Große Zapfenstreich
Tröten und Tränen bei Wulffs Abschied

Berlin. Als Christian Wulffs Wunschtitel "Over the Rainbow" ertönt, schreitet die Polizei gegen die Demonstranten ein. "Schande, Schande", skandieren Hunderte vor dem Schloss Bellevue. Das Volk pfeift seinen Präsidenten aus dem Amt. Der Große Zapfenstreich, das militärische Zeremoniell zum Abschied des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff, gerät zum Trauerspiel. So hat sich keiner der 200 anwesenden Gäste den Abgang eines Staatsoberhaupts vorgestellt. Von Michael Bröcker und Rena Lehmann

Demonstranten hatten sich schon am frühen Abend vor dem Amtssitz des Präsidenten versammelt, ihrem Unmut mit Tröten, Trillerpfeifen und den von der Fußball-WM 2010 bekannten Vuvuzelas Gehör verschafft. Drinnen ringt Christian Wulff um kurz nach 19 Uhr bei seinem letzten Auftritt um Fassung. Eingefallene Wangen, blasse Gesichtsfarbe – Wulff sieht mitgenommen aus. Schon beim ersten Titel der Blaskapelle, dem "Alexandermarsch", zeigen Kameras feuchte Augen beim einstigen Präsidenten. Wulffs Frau Bettina sitzt nur Meter entfernt in der ersten Reihe auf der Zuschauertribüne. Grauer Schal, grauer Mantel, kaum eine Gesichtsregung. Daneben Christian Wulffs Tochter aus erster Ehe, Annalena. Sie steckt gerade in der Klausurphase für ihr Abitur. Zwei Plätze neben ihr Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Mann, der da gerade im Fackelschein verabschiedet wird, ist binnen zwei Jahren schon der zweite zurückgetretene Präsident, den Merkel auswählte.

160 Absagen habe es für den Zapfenstreich gegeben, dokumentierte die "Bild"-Zeitung noch am Morgen. Beim Empfang am frühen Abend herrscht gedämpfte Stimmung. Die meisten trinken Wasser. Es wird über die diskutiert, die nicht da sind. Die Altbundespräsidenten Horst Köhler und Richard von Weizsäcker etwa. Und darüber, was aus Wulff wird. CDU-Mann Peter Hintze, bis zuletzt Verteidiger Wulffs, regt sich über SPD-Politiker auf, die öffentlich absagten, obwohl sie gar nicht eingeladen waren. Viele Gäste finden alles nur noch peinlich und entwürdigend.

Christian Wulff lässt sich wenig anmerken. In seiner Ansprache bedankt er sich für die Unterstützung der Bürger und scherzt: "Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können." Es wäre das Ende seiner ersten Amtszeit gewesen. Aber, so zitiert er Wilhelm Busch: "Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt." Er dankt seiner Frau Bettina, "die unser Land auf großartige Weise repräsentiert hat". Und er verspricht: "Wir werden uns weiterhin engagiert für unser Land und seine Menschen einsetzen." Für manchen klingt das wie eine Drohung.

Ein CDU-Politiker sagt: "Es ist wie bei einer Beerdigung." Die schwarzen Anzüge, der Nieselregen vor der Tür. Einer, der zuletzt öfter mit Wulff sprach, wähnt den Ex-Präsidenten "in Trance": "Er hat noch gar nicht verstanden, was da geschehen ist." Ja, was eigentlich?

Es ist der vielleicht tiefste Fall eines Politikers in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vom Osnabrücker Stadtrat stieg der brave Jurist Christian Wulff in 20 Jahren zum Hoffnungsträger der CDU und Ministerpräsidenten Niedersachsens auf. Schon kurz nach dem Wahlsieg 2003 warnte die linksliberale "Zeit" CDU-Chefin Merkel vor der "sanften Gefahr" aus Hannover. Die "Taz" sieht in dem CDU-Politiker mit dem Schwiegersohn-Image gar den "gefühlten Kanzlerkandidaten". Christian Wulff selbst vergleicht sich im Überschwang mit Tennis-Ikone Steffi Graf: "Erfolgshungrig, kämpferisch, sympathisch, nett und unterschätzt".

Doch kurz nach dem Einzug ins Schloss Bellevue beginnt der Abstieg des Christian Wulff. Journalisten recherchieren rund um seine Hausfinanzierung; die Nähe Wulffs zu reichen Unternehmern wird zum Problem. Der Kritisierte reagiert mit Verschleierung, Halbwahrheiten, Widersprüchen. Unter der Hülle des netten Politikers kommt ein Mann zum Vorschein, der seinen Hang zu den schönen Dingen des Lebens ausleben will und Grenzen des Anstands, vielleicht gar juristische, überschreitet. Die vermeintlichen "Freunde" sind es, die Wulff die Karriere kosten. Die Widersprüchlichkeiten bei der Finanzierung eines Hotel-Aufenthalts durch einen Unternehmerfreund irritieren die Fahnder. Vielleicht enden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in einigen Monaten mit einem Freispruch.

Das Urteil der Deutschen über den Mann, der so anders sein wollte und doch den Vorurteilen über Politiker gerecht wurde, scheint indes gefällt. Noch Minuten nachdem Wulff wieder im Schloss verschwunden ist, sind die Vuvuzelas der Protestler zu hören. Der Ton eines gescheiterten Präsidenten.

(RP/jh-)
 
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