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Washington
Trumps Agenda für Afghanistan

Washington. Der US-Präsident hatte das Militär mit der Ausarbeitung einer Strategie beauftragt. Kurz vor Bekanntgabe sickerten Trumps Pläne durch - er will die Truppen am Hindukusch wieder aufstocken. Von Frank Herrmann

Der ehemalige Chefstratege Steve Bannon hat nicht nur seinen Posten im Weißen Haus verloren, sondern auch die Debatte um die künftige Strategie in Afghanistan. Durchgesetzt haben sich die Generäle im Kabinett, allen voran Verteidigungsminister James Mattis und Herbert Raymond McMaster, der Sicherheitsberater des US-Präsidenten. Donald Trump, der den Militäreinsatz noch vor Jahren als reine Geldverschwendung kritisiert hatte, folgt ihrem Rat und stockt das Truppenkontingent auf, statt es zu reduzieren oder gar abzuziehen.

Konkrete Zahlen wollte er in der Nacht zu heute in einer Fernsehansprache nennen, in den Grundzügen ist der Plan jedoch schon durchgesickert: Statt der 8400 Soldaten, die die USA derzeit am Hindukusch stationiert haben, sollen es demnächst 13.000 sein. Zudem will das Oval Office den Druck auf Pakistan verstärken, in der Hoffnung, dass der östliche Nachbar Afghanistans den Taliban und Extremistengruppen wie dem Hakkani-Netzwerk auf eigenem Boden den Kampf ansagt.

Es ist ein Szenario, das amerikanische Strategen immer wieder aufs Neue entwerfen, seit die GIs in Kabul einmarschierten. Bislang ist die Rechnung nie aufgegangen, zumal die Hochgebirgsregion an der afghanisch-pakistanischen Grenze als notorisch unkontrollierbar gilt. Übrigens auch nicht, als Trumps Vorgänger Barack Obama vor acht Jahren eine kurzzeitige Offensive anordnete und das US-Kontingent auf 100.000 Mann anwuchs.

Die Taliban gehören zur stärksten Kraft unter den radikal-islamistischen Aufständischen; Afghanistan bleibt Brennpunkt. Erst gestern haben die Taliban eine weitere Bezirkshauptstadt im Norden des Landes eingenommen. Die Hauptstadt des Bezirks Kham Ab, in dem etwa 15.000 Menschen leben, ist am Morgen laut Medienberichten fast ohne Gegenwehr in die Hände der Islamisten gefallen. Seit Beginn ihrer Frühjahrs- und Sommeroffensive greifen die Taliban viele Bezirkszentren an - in den vergangenen sechs Wochen waren es mindestens neun.

Wäre es nach Steve Bannon gegangen, dem gefeuerten Chefstrategen, hätte Trump sämtliche Soldaten aus Afghanistan nach Hause beordert und sie durch private Söldner, eine Art Fremdenlegion, ersetzt. Es war Erik Prince, Gründer der in Verruf geratenen Sicherheitsfirma Blackwater, der die Idee ins Gespräch brachte. Über 5000 Milizionäre wollte Prince nach Afghanistan schicken, um sie der Armee des Landes als Berater zur Seite zu stellen. Nicht nur in Amerika wollte er sie rekrutieren, sondern auch in Großbritannien, Australien oder Südafrika - "überall dort, wo sie gute Rugby-Mannschaften haben", spöttelte er in einem Interview mit der Zeitschrift "Atlantic".

Während er in Bannon einen begeisterten Fürsprecher fand, legten Ex-Militärs wie Mattis und McMaster Einspruch ein. Prince hatte mit Blackwater eine Goldgrube entdeckt, als er nach der Invasion im Irak eine Reihe von Großaufträgen an Land zog. Seine Bodyguards bewachten die Grüne Zone Bagdads, sie beschützten Diplomaten, begleiteten Senatoren aus Washington bei deren Kurzbesuchen. Es dauerte nicht lange, bis sie wegen ihrer Rambo-Manieren ins Gerede kamen. Im September 2007 eröffneten Leibwächter des Unternehmens auf einem Verkehrskreisel mitten in Bagdad das Feuer auf Autofahrer und töteten 17 unbewaffnete Zivilisten. Prince verschwand in der Versenkung, ehe er nach dem Wahlsieg Trumps von einem glänzenden Comeback träumte. Spätestens in Camp David, wo der Präsident am Freitag im Kreise seiner Sicherheitsexperten getagt hatte, um Entscheidungen zu treffen, war klar, dass daraus nichts werden würde. Bannon fehlte bereits in der Runde. Der Vorschlag, den Krieg zu privatisieren, war endgültig vom Tisch.

Eine Truppenaufstockung, begründen Trumps Ratgeber den Schritt, soll den Vormarsch der Taliban stoppen, ihn zumindest verlangsamen. Nach einem vom Kongress veröffentlichten Bericht des amerikanischen Generalinspekteurs für den afghanischen Wiederaufbau kontrollierte die Zentralmacht in Kabul Ende vergangenen Jahres nur noch 57 Prozent des Landes, während es zwölf Monate zuvor noch 72 Prozent gewesen waren. Im Juni war es der Pentagonchef, der trocken auf den Punkt brachte, wie er die Lage sah, ironischerweise in Anlehnung an Trumps Wahlkampffloskel, nach der Amerika nur noch gewinne, wenn er im Weißen Haus sitze. "Im Moment gewinnen wir nicht in Afghanistan", sagte Mattis.

Quelle: RP
 
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