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Ankara/Moskau
Türkei bedauert Abschuss des Jets

Fotos: Kampfjet an türkisch-syrischer Grenze abgeschossen
Fotos: Kampfjet an türkisch-syrischer Grenze abgeschossen FOTO: dpa, sdt jak
Ankara/Moskau. Russlands Außenminister Lawrow nennt den türkischen Angriff auf das russische Kampfflugzeug eine "geplante Provokation". Präsident Erdogan hat kein Interesse an einer weiteren Eskalation. Von Thomas Seibert

Nach dem Abschuss des russischen Kampfjets an der syrischen Grenze durch türkische F-16-Jäger bemüht sich die Türkei um Schadensbegrenzung. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, sein Land habe kein Interesse an weiterer Eskalation, sondern stehe "auf der Seite von Frieden, Dialog und Diplomatie". In der türkischen Öffentlichkeit wurde der Abschuss als überzogen kritisiert.

Die Türkei hatte das russische Flugzeug am Dienstag abgeschossen, weil sie ihren Luftraum verletzt sah. Die Regierung erklärte in einem Brief an die UN, es seien zwei russische Maschinen vom Typ Su-24 in türkischen Luftraum eingedrungen, und zwar in einer Tiefe von bis zu 1,36 Meilen (2,2 Kilometern) und für eine Dauer von 17 Sekunden. Beide Maschinen hätten Warnungen missachtet. Eine sei dann abgedreht. Die andere sei von türkischen F-16-Kampfjets abgeschossen worden und auf der syrischen Seite der Grenze abgestürzt. Die russische Seite bestreitet eine Verletzung des türkischen Luftraums.

Neue Details stellen die türkische Darstellung infrage, der Abschuss sei unvermeidlich gewesen. Nach Angaben aus US-Regierungskreisen wurde das russische Flugzeug erst nach Durchquerung des türkischen Luftraums über Syrien abgeschossen. Der überlebende Pilot wies zudem die Darstellung zurück, die Türkei habe ihn zehnmal in fünf Minuten gewarnt. "Es gab keine Warnung, nicht per Funk, nicht visuell, wir hatten überhaupt keinen Kontakt", sagte Konstantin Murachtin. Zudem beteuerte er, niemals in den türkischen Luftraum eingedrungen zu sein. Ein russisches Spezialkommando hatte Murachtin gerettet; der zweite Pilot starb.

Eine türkische Nachrichtenagentur veröffentlichte dagegen unter Berufung auf die Armee eine Sprachaufnahme. Zu hören ist die mehrmalige Warnung, nach Süden abzudrehen. Es soll sich um den Funkspruch an die Piloten des später abgeschossenen Flugzeugs handeln.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu drückte nach russischen Angaben in einem Telefonat sein Bedauern über den Vorfall aus. Nach türkischen Angaben wollen sich Cavusoglu und sein russischer Kollege Sergej Lawrow in den kommenden Tagen treffen. Das Gespräch könnte am Rande einer Außenminister-Sitzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Belgrad stattfinden.

Trotz der versöhnlichen Töne aus Ankara blieb Moskau bei seiner harten Linie. Die Regierung erklärte, es gebe keine Verabredung für ein Treffen der Außenminister. Lawrow sprach von einer "geplanten Provokation" der türkischen Seite: "Dies war offensichtlich ein Hinterhalt. Sie warteten, beobachteten und haben einen Vorwand gesucht."

Der Zwischenfall bedroht die Bemühungen um ein gemeinsames Vorgehen gegen den Terrorismus im Syrien-Konflikt. "Durch den Abschuss hat sich die Lage noch einmal verschärft", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow stellte einen gemeinsamen Anti-Terror-Kampf mit der Türkei infrage. Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte, Moskau werde alle militärischen Kontakte mit Ankara vorerst einfrieren.

Türkische Wirtschaftsvertreter warnten vor russischen Sanktionen. Bei Erdgaslieferungen sei die Türkei verwundbar. Die russische Regierung prüft die Stornierung gemeinsamer Projekte mit der Türkei und den Ausschluss türkischer Unternehmer vom russischen Markt. Auch die Tourismusindustrie fürchtet Einbußen. Rund vier Millionen Russen verbringen jedes Jahr ihre Ferien in der Türkei.

Quelle: RP
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