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Ankara/Moskau
Diese Eskalation hat Moskau überrascht

Die Details zum Abschuss
Die Details zum Abschuss FOTO: RP
Ankara/Moskau. Der Abschuss des russischen Jets durch die Türkei zeigt die gefährliche Dynamik des Syrien-Kriegs. Jetzt droht ein zusätzlicher Großkonflikt. Von Thomas Körbel, Can Merey und Thomas Seibert

Vor den Fernsehkameras ist der russische Präsident Wladimir Putin sichtlich um Fassung bemüht. Die Wut über den Abschuss eines russischen Kampfjets im Syrien-Konflikt durch das Nato-Mitglied Türkei ist gerade wegen seiner ruhigen Stimme und der sorgfältig gewählten Worte kaum zu übersehen. "Dieser Fall geht über den normalen Kampf gegen den Terrorismus hinaus", sagt Putin. Er verurteilt den Angriff als "Stoß in den Rücken, begangen von Helfershelfern von Terroristen".

"Ich weiß nicht, wer das braucht, was heute passiert ist", sagt Putin konsterniert. Mit "ernsthaften Auswirkungen" auf die Beziehungen droht Putin der Türkei, die er in den vergangenen Monaten vor allem aus wirtschaftlichen Motiven so stark umworben hat. Eigentlich können der russische Präsident und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan ganz gut miteinander. Mit einem milliardenschweren Deal für die geplante Gaspipeline Turkish Stream durch das Schwarze Meer zum Beispiel will Russland die Türkei eng an sich binden.

Doch besonders in einem Punkt vertreten Putin und Erdogan entgegengesetzte Positionen: beim Thema Syrien. Die Türkei fordert die Ablösung von Machthaber Baschar al Assad. Russland hält dagegen an Assad fest und unterstützt seit Ende September eine Offensive der syrischen Armee mit Luftangriffen.

Bereits im Oktober hatten russische Kampfjets aus Syrien kommend nach Darstellung der Regierung in Ankara türkischen Luftraum verletzt. Ankara hatte damals gewarnt, die türkischen Einsatzregeln würden auch für russische Kampfflugzeuge gelten. Dass Ankara aber Ernst machen würde, hatte in Moskau wohl niemand recht erwartet. Türkische Militärs sahen sich nach mehrmaligen Warnungen an die Adresse Moskaus und nach Beschwerden über russisch-syrische Angriffe auf das mit Ankara verbündete Volk der Turkmenen gezwungen zu handeln, statt nur zu reden.

Der Abschuss war genau das Ereignis, das die Türkei und Russland immer vermeiden wollten. Der Zwischenfall zeigt die gefährliche Dynamik des Syrien-Konflikts: Eine plötzliche Eskalation kann alle besonnenen politischen Überlegungen über den Haufen werfen. Experten befürchten eine Eiszeit zwischen Russland und der Türkei, die sich auch negativ auf den internationalen Kampf gegen die Mörder des IS auswirken könnte.

Eigentlich hatten Moskau und Ankara vereinbart, einen Zusammenstoß an der Grenze zu vermeiden - doch im Nordwesten Syriens eskalieren die Kämpfe, weil sich die Konfliktparteien vor einem möglichen Waffenstillstand noch Geländegewinne sichern wollen. Der Verlust der Maschine durch den Beschuss ist eine psychologische Niederlage für Putin, der das russische Militärengagement in Syrien auch als Machtdemonstration gegenüber der Nato versteht. Sollte Russland sich dazu entschließen, Vergeltung zu üben, "dann wird's übel", kommentierte der türkische Politikwissenschaftler Sedat Laciner beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Insbesondere die Abhängigkeit der Türkei von russischen Erdgaslieferungen hatte bisher schärfere Reaktionen Ankaras auf die Intervention Moskaus in Syrien verhindert. Einige türkische Kommentatoren warnten gestern bereits, Moskau werde nun möglicherweise Ankara den Gashahn zudrehen.

Einige Experten gingen jedoch auch davon aus, dass die Türkei und Russland weiter versuchen, ihre Beziehungen nicht in eine Krise schlittern zu lassen. Weder Ankara noch Moskau sei an einer Eskalation interessiert, kommentierte der US-Nahostexperte Howard Eissenstat. Auch Putins scharfe Kritik an der Türkei bedeute nicht, dass er einen Großkonflikt mit der Nato wolle.

Dennoch gab es Entwicklungen, die auf weiter wachsende Spannungen hindeuten könnten. So sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow einen seit Längerem für heute geplanten Besuch in der Türkei ab. Unterdessen bestellte das türkische Außenamt den russischen Geschäftsträger in Ankara ein. Der türkische Botschafter in den USA, Serdar Kiliç, warnte Russland auf Twitter, die "Worte und Warnungen" der Türkei müssten ernst genommen werden. Ohne Moskau direkt zu nennen, fügte der Diplomat hinzu: "Stellt unsere Geduld nicht auf die Probe."

(dpa/RP)
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