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Analyse
Terror gegen Touristen

Fotos: Nach Anschlag: Urlauber verlassen Tunesien
Fotos: Nach Anschlag: Urlauber verlassen Tunesien FOTO: dpa, moh sw
Düsseldorf. Nach dem Anschlag im tunesischen Sousse rechnet die Branche mit deutlichen Buchungsrückgängen. Doch der anfängliche Schrecken gerät bei vielen Reisenden erfahrungsgemäß schon bald wieder in Vergessenheit. Von J. Buck, G. Mayntz und M. Plück

Um das Hotel "Imperial Marhaba" im tunesischen Sousse patrouillieren an diesem Nachmittag bewaffnete Sicherheitskräfte. "Wir merken, dass die Polizei hier gerade sehr viel Präsenz zeigt", sagt ein Sprecher des Tui-Konzerns. Niemand mit Ausnahme der Gäste und Angestellten komme aufs Gelände. In dem zur Tui-Kette Riu gehörenden Strandhotel hatte ein bewaffneter Mann am Freitag 38 Menschen - darunter auch einen Mann aus Korschenbroich und einen zweiten Deutschen - erschossen, ehe Sicherheitskräfte den Angreifer töteten.

Tui-Chef Friedrich Joussen werde noch in dieser Woche nach Tunesien reisen, um mit Mitarbeitern und Gästen zu sprechen, so der Sprecher. Gestern besuchten bereits Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und seine Kollegen aus Frankreich und Großbritannien den Badeort.

Für den Reisekonzern ist der Anschlag von Sousse ein wirtschaftlicher und logistischer Alptraum: Aus Furcht vor Geschäftsrückgängen trennten sich Anleger gestern in großem Stil von Tui-Aktien. Die in London notierten Papiere brachen um bis zu 10,4 Prozent ein und waren mit 997 Pence so billig wie noch nie. 250 deutsche Gäste seien bereits am Samstag auf die regulären Maschinen umgebucht worden und zurück nach Deutschland gereist, sagte der Tui-Sprecher. Bei den britischen Gästen gestaltete sich dies etwas schwieriger, weil diese überwiegend nicht mit der konzerneigenen Tuifly angereist waren. "Wir haben elf zusätzliche Flugzeuge organisiert mit einer Kapazität von 2500 Plätzen", sagt der Sprecher. Die Rückbring-Aktion der Briten sei so gut wie abgeschlossen. Für die neun deutschen Gäste, die ihren Urlaub in Sousse fortsetzen wollten, sei ein Betreuer-Team mit psychologischer Expertise vor Ort.

Dass es in Nordafrika zu Anschlägen kommen könnte, war hinlänglich bekannt. Selbst Tunesien wurde bereits mehrfach getroffen. Im April 2002 tötete ein Selbstmordattentäter 22 Menschen, darunter 14 Deutsche, als er einen mit Flüssiggas beladenen Kleinlaster in die Mauer einer Synagoge auf der tunesischen Ferieninsel Djerba steuerte. Der Tourismus brach daraufhin ein: Das damals noch autoritär geführte Land verlor allein im ersten Jahr nach dem Anschlag zwei Drittel seiner deutschen Urlauber. Daran konnte auch die Vertuschungstaktik nichts ändern: Tunesien hatte den Vorfall tagelang heruntergespielt und versucht, die Tat als Unfall darzustellen. An einer Aufklärung zeigten die Behörden kaum Interesse. Der Tatort wurde schnell gesäubert, Spuren buchstäblich übertüncht. Es sollte rasch wieder Ruhe einkehren im Touristenidyll, das bis dahin Jahr für Jahr etwa eine Million Deutsche angezogen hatte.

Doch so empfindlich die Branche auch sein mag: Touristen vergessen offenbar schnell oder blenden Gefahren aus. Schon bald erinnerte sich so mancher an die guten Seiten des Urlaubslandes Tunesien - lange Sandstrände, klares Wasser und günstige Preise - und kehrte zurück. Zwar nicht wieder in alter Stärke, aber auch die leichte Belebung eines Sektors, in dem rund zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung tätig sind, war für Tunesien bitter nötig.

Ähnliche Erfahrungen gab es nach dem Umsturz des "Arabischen Frühlings" 2011. Auch dieser hatte für zwei Jahre tiefe Spuren in den Bilanzen der Reisekonzerne und der landeseigenen Wirtschaft hinterlassen. Die Zahl der Deutschen mit Reiseziel Tunesien brach nach Angaben des dortigen Fremdenverkehrsamtes um 40 Prozent ein, bezogen auf alle europäischen Reisenden lag der Rückgang bei mehr als 50 Prozent. Schon wenige Monate später frohlockte der Deutsche Reiseverband (DRV), dass die Gästezahlen wieder anstiegen - zuletzt auf 400 000 Deutsche im Jahr. Das Vorkrisenniveau schien im März dieses Jahres zum Greifen nahe. Dann versetzte der Anschlag auf das Nationalmuseum in Tunis dem Land "einen Dämpfer auf dem Weg zur Erholung", so die DRV-Einschätzung. Dass dieser Dämpfer diesmal länger dauern könnte, liegt an der raschen Abfolge der jüngsten Ereignisse. Zwischen dem Angriff auf das Museum mit 20 Toten und dem Anschlag vom Freitag liegen gerade einmal 100 Tage.

Wie stark ein lange Zeit als sicheres Urlaubsziel geltendes Land durch wiederholte Anschläge getroffen werden kann, zeigt das Beispiel Kenia: Im Juli und August vergangenen Jahres starben mehr als 100 Menschen bei Angriffen an der Küste - darunter eine 30-jährige Solingerin. Sie wurde in Mombasa auf der Straße erschossen, weil sie im Fastenmonat Ramadan zu "freizügig" gekleidet gewesen sein soll. "Mittlerweile kommen 70 bis 80 Prozent weniger Urlauber als früher üblich", sagt Lucy Karume, Vorsitzende der Kenya Tourism Federation.

Man müsse kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Tourismuswirtschaft Tunesiens unter dem Anschlag leiden werde, sagte Heike Brehmer (CDU), Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Tourismus. "Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass solche Terrorakte auf den internationalen Tourismus nur kurzfristigen Einfluss haben. Die wirtschaftlichen Folgen der Gewalttaten waren bisher in erster Linie in den vom Terrorismus betroffenen Ländern zu spüren." Touristen hätten sich auch in der Vergangenheit andere Ziele gesucht, aber nicht auf das Reisen verzichtet. "Insofern wird der Tourismus als globaler Wirtschaftszweig kaum Einbußen hinnehmen müssen." Auch Tui und der DRV rechnen nicht damit, dass es Folgen für Buchungen in den Nachbarländern gebe. So gilt die jüngst von Konzernchef Joussen ausgegebene Stornierungsregel auch nur für Tunesien-Reisen. Urlauber können noch bis zum 15. September kostenfrei stornieren oder umbuchen. 500 Gäste hätten davon Gebrauch gemacht, sagt der Sprecher. Ziele seien die Türkei, die Kanarischen Inseln und weitere Urlaubsgebiete in Spanien. Auf Tunesiens Reisewirtschaft kommt eine längere Durststrecke zu.

Quelle: RP
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