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Aschgabat
Turkmenistan - eine gut geölte Diktatur

Aschgabat. Die einstige Sowjetrepublik wirkt wie eine einzige große Inszenierung zu Ehren ihres Staatschefs Gurbanguly Berdimuhamedow. Von Gundhild Tillmanns

Was glänzt, ist tatsächlich Blattgold in Hülle und Fülle in Aschgabat, der Hauptstadt von Turkmenistan. Einstmals eine Sowjetrepublik in Zentralasien, wandelte sich Turkmenistan in den Jahren seit seiner Unabhängigkeit 1991 zunächst unter Präsident Saparmyrat Nijasow und seit 2007 unter seinem Nachfolger Gurbanguly Berdimuhamedow zu einer gut funktionierenden Diktatur. Alles hört auf den Präsidenten, der sich in Gold und Marmor Denkmal um Denkmal erbauen lässt.

Die gesamte Hauptstadt demonstriert Macht und Reichtum, während auf dem Land Armut herrscht. Die im Winter beheizte und im Sommer parfümierte "Protokollstraße" wird weiträumig gesperrt, wenn der Präsident morgens auf ihr in seinen Amtssitz gebracht wird und abends zurück in seinen geheimgehaltenen Wohnpalast. An jeder fünften Laterne in der Hauptstadt sind Überwachungskameras installiert. Geheimdienst, Militär und Polizei sind der größte Arbeitgeber in dem Land mit etwa 5,2 Millionen Einwohnern. Dazu kommt ein Heer von Putzfrauen, das sogar die Leitplanken der Prachtstraßen schrubben muss. Auf Knien polieren sie die Intarsien des achteckigen turkmenischen Staatssymboles, das auf Prunkplätzen den Boden ziert. Sie kratzen den Staub aus den Ritzen der protzigen Treppenanlagen aus Marmor.

Aktuell putzt sich Aschgabat für die Asia-Olympiade 2017 mit einem Mammutstadion und eigener Magnetbahn heraus. In der Form eines riesigen Falken lässt der Präsident einen neuen internationalen Flughafen erbauen - und den ebenfalls prächtigen, keinesfalls unmodernen Vorgänger leer stehen und verrotten. So gut wie leer sind auch viele Hochhäuser in Aschgabat und erst recht die neuen, die derzeit überall entstehen. Etwa 700.000 Einwohner soll die Hauptstadt haben, aber nur wenige können sich die teuren Neubauwohnungen leisten - es sei denn, sie gehören zur Entourage des Präsidenten.

Zum weißen Marmor seiner Hauptstadt passend hat Berdimuhamedow angeordnet, dass nur noch weiße Autos importiert werden dürfen. Und alle Fahrzeuge müssen, bevor sie aus der staubigen Wüste, die 85 Prozent des Landes ausmacht, frisch gewaschen sein, bevor sie in die Städte fahren. Sonst droht ein empfindliches Bußgeld. Dabei mangelt es in Turkmenistan an Trinkwasser. Der Präsident verschwendet das wertvolle Wasser in Aschgabat zudem für Brunnen und einen künstlichen Fluss, er ordnet großräumige Bepflanzungen mit Millionen von Nadelbäumen an, die im Sandboden ständig bewässert und gedüngt werden müssen.

Turkmenistan ist gleichermaßen arm und reich. Im Weltarmutsindex liegt es auf Platz fünf und ist damit eines der ärmsten und wirtschaftlich schwächsten Länder der Welt. Doch an seinem Reichtum in Form von Öl und vor allem Erdgas sind Europa und insbesondere auch Deutschland höchst interessiert.

Turkmenistan soll über 17,5 Billionen Kubikmeter Gasreserven verfügen, das entspricht 9,3 Prozent der globalen Reserven. Pläne für eine Gaspipeline durch das Kaspische Meer über Aserbaidschan und die Türkei nach Europa könnten bis 2020 verwirklicht werden. Darauf hofft auch der deutsche RWE-Konzern, der wie viele andere große deutsche Unternehmen in Turkmenistan investiert: Siemens, Mercedes, BASF und andere lassen ihre erleuchteten Schriftzüge auf den Hochhäusern von Aschgabat in den Nachthimmel strahlen.

Allerdings gestalten sich Geschäfte in Turkmenistan oft schwierig, wie unter anderem die Delegation der deutschen Wirtschaft für Zentralasien berichtet. Turkmenistan gehöre immer noch zu den 20 korruptesten Ländern der Welt. So ließ sich der damalige Präsident Nijasow die Übersetzung seiner "Staatsbibel" (Ruhnama), einer kruden Sammlung von Geschichtsschreibung, Lobpreisungen und Verhaltensregeln für die Turkmenen, von zwei großen deutschen Konzernen finanzieren. Präsident Berdimuhamedow hat die Ruhnama jedoch unlängst verboten, denn er schreibt selbst Buch um Buch, die die Schüler der vierten Klassen auswendig lernen müssen.

Ferner soll es auch immer wieder Vertragsbrüche und Enteignungen bei Handelsbeziehungen mit Turkmenistan geben, wie deutsche, englische und amerikanische Wirtschaftsforen warnen. Jüngstes Beispiel ist die Enteignung einer Hühnerfarm, die ein Investor aus Leverkusen in Turkmenistan betrieben hatte. Seine Klage gegen die Enteignung ist noch beim Europäischen Gerichtshof anhängig. Trotzdem, die Zusammenarbeit mit Deutschland soll ausgeweitet werden: So wird im November der sechste Tag der deutschen Wirtschaft in Turkmenistan stattfinden.

Davon bekommen die Hirten und Bauern auf dem Land nichts mit. Sie kommen an praktisch keine Informationen aus dem Ausland. Wer sich in die Wüste Karakum begeben möchte, darf nicht einmal ein Navigationsgerät und schon gar kein Satellitentelefon mitführen. So will der Präsident verhindern, dass sich womöglich Ausländer zu weit ins Landesinnere vorwagen, und zugleich will er die Einheimischen unter Kontrolle halten.

Dazu gehört auch, dass die turkmenischen Hirten keine Nomaden mehr sein dürfen, sie müssen sich in einem Gehöft niederlassen. Und sie dürfen auch nicht mehr mit ihren Tieren zu ihren Kamelherden reiten. Der Präsident hat sie zum Gebrauch stinkender, knatternder Zweitakter verurteilt und damit zur Abhängigkeit, in der Nähe von Tankstellen zu siedeln. Wenn die Hirten abends nach Hause kommen, mutet es wie ein Bikertreffen in der Wüste an. Doch sie bevorzugen immer noch die Jurte statt der vom Staat gebauten Betonhütten.

Ihre ungeheure Gastfreundschaft haben sich die Land- und Wüstenmenschen aber erhalten. Und sie leben in der Freiheit einer großartigen Landschaft. Die Städter dagegen leben in der beklemmenden Enge von ständiger Überwachung und Willkür. Denn was nicht ausdrücklich verboten ist, muss noch lange nicht erlaubt sein. "Die Polizei findet immer etwas", wissen die Einheimischen und halten immer ein paar Scheine parat, wenn irgendwo ein Staatsdiener in Sichtweite kommt. Über vieles in Turkmenistan wird geschwiegen, vor allem über Menschenrechte: "Wir sind Schweigen gewöhnt", sagen Einheimische oft, und nur Wagemutige fügen als Erklärung noch hinzu: "Wir wissen, was sonst passiert."

Quelle: RP
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