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Falls Church
US-Muslime unter Generalverdacht

Falls Church. Im Vorstadtgürtel um Washington erlebt der Imam einer Moschee, welche Folgen die islamfeindliche Polemik Donald Trumps hat. Von Frank Herrmann

Nachts gegen zwei, erzählt Johari Abdul-Malik, der Imam der Moschee Dar Al Hijrah, habe "das Kid" an den Gitterstäben des Zauns gerüttelt und kurz darauf einen Molotowcocktail in den Hof der Moschee geworfen. Die Polizei ermittelte wegen Brandstiftung, sie war dem Täter auf die Spur gekommen, weil er sein Auto vor dem Gotteshaus geparkt und eine Überwachungskamera das Kennzeichen gefilmt hatte. Passiert ist nichts, "das Kid" entpuppte sich als junger Mann aus der Nachbarschaft, von dem man seit einiger Zeit weiß, dass er seine Emotionen nicht im Griff hat. "Eigentlich harmlos, aber mitgerissen vom Strom der Islamophobie", beschreibt ihn Abdul-Malik.

Zugetragen hat sich der Vorfall zwei Nächte nach dem Blutbad, das ein radikalislamisches Ehepaar im kalifornischen San Bernardino anrichtete. Im November, kurz nach den Pariser Anschlägen, war das Dar Al Hijrah schon einmal zur Zielscheibe geworden. An einem Samstagvormittag stand einer vor dem Minarett, das so niedrig ist, dass es die Zypressenhecke zur Hauptstraße hin kaum überragt, und schrie: "Ihr werdet alle sterben! Jesus ist Gott!" "Dann hat er uns eine Bibel hinterlassen", sagt Abdul-Malik in der sarkastischen, lakonischen Art eines Mannes, für den solche Ausfälle nichts Neues sind. Nur: Der Leibwächter, angetan mit dunkelblauer Polizistenuniform und kugelsicherer Weste, der ihn bewacht, ist nicht zu übersehen.

Die Moschee in Falls Church, einer Satellitenstadt im Speckgürtel Washingtons, war schon immer eine Art Blitzableiter. Johari Abdul-Malik, ein Afroamerikaner aus Brooklyn, der einst Winslow Seale junior hieß, Chemie studierte und im Labor einer Universitätsklinik arbeitete, hat sich gewöhnt an das, was er die Fieberkurven der Islamfeindlichkeit nennt. Die erste erlebte er nach den Terrorattacken am 11. September 2001, die zweite nach den Hassausbrüchen im Zuge des Attentats von San Bernardino. "Wir dachten, diese Tür sei verschlossen", sagt der Imam. "Nun werden wir daran erinnert, wie anfällig wir Menschen sind für die Rattenfänger."

Der Unterschied ist: Nach 9/11 gab es keinen Präsidentschaftskandidaten namens Donald Trump, der die Ängste noch geschürt hätte. Der Präsident George W. Bush besuchte damals demonstrativ eine Moschee, um klarzustellen: "Der Islam ist eine Religion des Friedens." Heute sagen 51 Prozent der Amerikaner, so haben es die Meinungsforscher von Rasmussen Reports ermittelt, sie wären nicht bereit, einem muslimischen Bewerber fürs Oval Office ihre Stimme zu geben. Nach San Bernardino präsentiert sich in der Republikanischen Partei mit Donald Trump ein Demagoge, der die Medienbühne beherrscht, und den die "Washington Post" mittlerweile mit Benito Mussolini vergleicht.

Seine Forderung nach einem Einreiseverbot für Muslime, nach "totaler Abschottung", markiert nur die Spitze einer Eskalationspyramide. Bereits nach der Pariser Anschlagsserie hatte der Bauunternehmer die Mär verbreitet, nach der Tausende Muslime im New Yorker Vorstadtambiente des Bundesstaats New Jersey gejubelt haben sollen, als in Manhattan, auf der anderen Seite des Hudson River, die Zwillingstürme in Schutt und Asche fielen.

"Donald Trump klingt eher wie der Anführer eines Lynchmobs als einer großen Nation wie der unseren", sagt Nihad Awad, Direktor der Bürgerrechtsinitiative Council on American-Islamic Relations. Die Politikwissenschaftlerin Dalia Mogahed, geboren in Kairo, wirft Trump ihrerseits vor, die Propaganda des Islamischen Staats (IS) wie mit einem Megafon zu verstärken. Genau wie der IS verkaufe er die Idee, dass sich die Muslime in einem inhärenten Konflikt mit dem Rest der Welt befänden.

Abdul-Malik steht inzwischen zufrieden lächelnd auf der Ladeklappe eines Lastwagens vor Stapeln aus Pappkartons, darin Wolldecken und Wintermäntel für syrische Flüchtlinge in türkischen Zeltlagern, gespendet von Bewohnern der Stadt Falls Church. Zuvor hatten Pfarrer benachbarter Kirchen improvisierte Reden gehalten, über Jesus, der selber ein Flüchtling war, und darüber, dass die Vereinigten Staaten noch immer ein Land der Anständigen seien, dass Tragödien die Leute zusammenbringen, statt Gräben aufzureißen. Irgendwann hatte der Imam den Hoheliedern auf das bessere, das wahre Amerika eine launige Ansage hinzugefügt: "Hey, Leute, wir haben ein Haus voller Decken, ein Zimmer voller Kartons und einen leeren Truck. Packt an, stürzt euch hinein ins organisierte Chaos!"

Quelle: RP
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