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Polen
Verschwörungstheorie wird Staatsräson

Warschau. Die polnische Justiz will Ex-Präsident Lech Kaczynski und die weiteren 95 Toten der Flugzeugkatastrophe von Smolensk exhumieren. Von Ulrich Krökel

Der Herbst ist die Zeit einer besonderen Totenverehrung. Im katholischen Polen gehören Allerheiligen und Allerseelen Anfang November zu den wichtigsten Feiertagen überhaupt. Der Herbst ist in Polen aber auch die Zeit eines makabren Schauspiels: Vom 16. Oktober an dürfen in der kalten Jahreszeit Leichen exhumiert werden. Meist geschieht dies vor dem ersten Frost. Manches spricht deshalb dafür, dass schon in den nächsten Tagen die vorhandenen Überreste jener 96 Menschen ausgegraben werden, die im April 2010 bei der Flugzeugkatastrophe von Smolensk in Russland ums Leben kamen. Sie sollen erneut gerichtsmedizinisch untersucht werden.

Pünktlich zum Start der "Grabungssaison" erklärte Polens ehemaliger Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski am vergangenen Wochenende sein Einverständnis mit der staatsanwaltlich angeordneten Exhumierung. Juristisch nötig war dies nicht - mit Blick auf die prominentesten Toten von Smolensk, das Präsidentenpaar Lech und Maria Kaczynski, hätten die Behörden den Zwillingsbruder des Getöteten aber kaum übergehen können. Der 67-Jährige, der seit dem Unglückstag Schwarz trägt, beharrt bis heute auf der These: "Es war Mord."

Die offiziellen Untersuchungen zur Absturzursache gehen dagegen von einem Unglück aus. Die Regierungsmaschine verlor demnach im Nebel von Smolensk zu schnell an Höhe, streifte mehrere Baumwipfel und schlug in einem Wald auf. Die entscheidenden Fehler beging der Pilot der Tupolew 154-M. Eine Mitverantwortung trugen aber auch die russischen Fluglotsen, die den miserabel ausgerüsteten Provinzflughafen nicht sperrten.

Allerdings handelten sowohl Pilot als auch Tower auf Druck von höherer Stelle. Im Cockpit drängte der mutmaßlich angetrunkene Luftwaffengeneral Andrzej Blasik zur Landung. Die Präsidentendelegation war auf dem Weg nach Katyn, um dort der Opfer stalinistischer Massaker an polnischen Kriegsgefangenen im Jahr 1940 zu gedenken. Den Staatsbesuch zu verschieben, wäre einem Offenbarungseid gleichgekommen, denn der große Widersacher der Kaczynski-Zwillinge, der damalige Premier Donald Tusk, hatte sich in Katyn bereits drei Tage zuvor mit Ministerpräsident Wladimir Putin getroffen.

Genau an diesem Punkt setzt Jaroslaw Kaczynskis Mordthese an. Immer wieder hat der Chef der rechtsnationalen PiS-Partei suggeriert, dass die Präsidentenmaschine Opfer eines Anschlags des russischen Geheimdienstes FSB geworden sei, mutmaßliche Drahtzieher: Putin und Tusk. Über Tusk sagte Kaczynski einmal: "Ich weiß nicht, ob der Premier mich auch umbringen will." Die Andeutungen lieferten den Nährboden für Verschwörungstheorien aller Art. Ein Drittel der Polen ist bis heute davon überzeugt, dass es sich um ein staatsterroristisches Attentat handelte

Zusätzliche Argumente lieferte das Verhalten des Kreml. Die Regierung in Moskau weigert sich bis heute, das Wrack der Kaczynski-Maschine nach Polen zu überführen. Untersuchungen sind nur in Russland möglich. Als dabei im Herbst 2012 Hinweise auf TNT-Spuren auftauchten, war die Verwirrung perfekt. Keine Frage: Es gibt diverse Ungereimtheiten bei den offiziellen Ermittlungen, die teils dilettantisch durchgeführt wurden.

Klar ist aber auch, dass die Stimm- und Flugschreiber der Tupolew keine Explosion an Bord aufgezeichnet haben. Das allerdings interessiert Antoni Macierewicz nicht, der seit der Regierungsübernahme der PiS vor einem Jahr polnischer Verteidigungsminister ist, während Parteichef Jaroslaw Kaczynski im Hintergrund die Fäden zieht. Seither entwickelt sich die Anschlagsthese immer mehr von der Verschwörungstheorie zur Staatsräson. Auf Anordnung von Macierewicz werden bei jeder Veranstaltung, an der die Ehrenkompanie der polnischen Armee teilnimmt, die Namen der 96 "Gefallenen" von Smolensk verlesen. Der Begriff suggeriert, die Opfer seien im Kampf für das Vaterland gestorben.

Quelle: RP
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