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Berlin
Viele Flüchtlinge zunächst ohne Arbeit

Berlin. Bamf-Chef Weise warnt vor zu hohen Erwartungen an das Qualifikationsniveau der Migranten: "Es ist kein Glück, dass die Menschen zu uns kommen." Arbeitsmarktexperten fordern schnellere Asylverfahren und weniger Job-Hindernisse. Von Birgit Marschall

Frank-Jürgen Weise will keinem etwas vormachen, schon gar nicht den Politikern. Auf einem Migrationskongress in Berlin hielt sich der Mann, der für die Bundesregierung im Inland das Flüchtlingsproblem lösen soll, jüngst einfach an das, was er täglich sieht und erfährt, nicht an das, was Politiker am liebsten hören. 70 Prozent der rund 1,2 Millionen Menschen, die seit 2013 nach Deutschland gekommen seien, seien erwerbsfähig, aber nur zehn bis 15 Prozent von ihnen gut qualifiziert, sagte Weise. Der Mann, der gleich zwei Nürnberger Mammutbehörden leitet - das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und die Bundesagentur für Arbeit (BA) -, warnte vor zu hohen Erwartungen, die Flüchtlinge könnten Deutschlands Fachkräftelücke schließen. Die hohe Migrantenzahl sei "nicht die Lösung für unser demografisches Problem. Es ist auch kein Glück, dass die Menschen zu uns kommen", so Weise. Die Migranten seien anfangs vielmehr "eine Belastung für den Arbeitsmarkt".

Warum spricht der BA-Chef von einer "Belastung für den Arbeitsmarkt" durch Flüchtlinge? Ganz einfach: Die große Mehrheit der Migranten bleibt nach den Erfahrungen der Arbeitsmarktexperten in den ersten Jahren arbeitslos und erhöht so die Zahl der registrierten Erwerbslosen, was sich in der BA-Statistik nicht gut macht. Die Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt fitzumachen und zu verhindern, dass sie dauerhaft auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind, erfordert eine gewaltige gesamtgesellschaftliche Anstrengung. Die meisten Migranten kommen ohne eine Berufsausbildung, die deutschen Maßstäben genügen könnte. Der berühmte syrische Arzt ist eine seltene Spezies. "In den meisten Herkunftsländern ist das deutsche System der Berufsbildung unbekannt", sagt Herbert Brücker, Migrationsexperte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Im ersten Jahr würden weniger als zehn Prozent einen Job finden. "Wenn nach fünf Jahren 50 Prozent erwerbstätig sind, ist das ein Erfolg", sagt Brücker.

Welche rechtlichen Hindernisse gibt es für Migranten, die arbeiten möchten? Vor allem die langen Asylverfahren erschweren den Zugang zum Arbeitsmarkt. "Die Chance, während eines Asylverfahrens einen Job zu bekommen, ist sehr gering. Das A und O ist die Beschleunigung der Asylverfahren", sagt Brücker. Daran arbeitet das Bamf unter Hochdruck. Für alle Neufälle könne er garantieren, dass die Asylverfahren bis Ende des Jahres weniger als drei Monate dauern würden, sagt Weise. Bei Altfällen dauerten die Verfahren derzeit im Schnitt fünf Monate. In neuen Ankunftszentren sollen einfache Fälle - etwa Anträge von Syrern - künftig binnen 48 Stunden entschieden werden.

Was fordern Arbeitsmarktexperten? Auch wenn ein Asylverfahren entschieden ist, bleiben Hürden. "Wer nur subsidiären, also eingeschränkten Schutz bekommt, hat nur für ein Jahr ein Aufenthaltsrecht. Das ist den Arbeitgebern zu kurz, den stellt keiner ein", sagt Brücker. "Damit Migranten arbeiten können, brauchen sie mindestens den Aufenthaltsstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention von drei Jahren. Wir sollten sparsam mit dem subsidiären Schutz umgehen", fordert er. Zudem müssen sich Arbeitgeber, die einen Ausländer einstellen möchten, vom Job-Center bescheinigen lassen, dass kein Inländer für diesen Job infrage kommt. Die Wirtschaft fordert, diese Vorrangprüfung umgehend abzuschaffen. "Flüchtlinge stehen am Arbeitsmarkt ohnehin ganz hinten in der Schlange. Sie nehmen Deutschen keine Jobs weg, und wenn, dann ist das zahlenmäßig zu vernachlässigen", sagt auch Brücker.

Was plant die Bundesagentur für Arbeit? Die BA will Kombikurse für Flüchtlinge einführen: Deutsch- und Integrationskurse sollen mit einer gezielten beruflichen Förderung verzahnt werden. 2016 könnten rund 150.000 Migranten die bis zu ein Jahr dauernden Kombikurse absolvieren. Auch das Handwerk, die IG Metall und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bereiten solche Projekte vor.

Wie groß ist die Einstellungsbereitschaft? Elf Prozent der deutschen Unternehmen haben laut einer Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der Wirtschaft konkrete Pläne für die Einstellung von Flüchtlingen. 75 Prozent der befragten 900 Betriebe erklärten, fehlende Deutschkenntnisse seien das größte Einstellungshemmnis. 60 Prozent bezeichneten geringe Qualifikationen, 50 Prozent den unsicheren Aufenthaltsstatus als Hürden.

Quelle: RP
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