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Berlin
Viele Wege führen zum Abitur

Berlin. Das Gymnasium gilt als Königsweg zur Hochschulreife - für eine erfolgreiche Akademiker-Karriere gibt es aber viele andere Optionen. Von Jan Drebes und Eva Quadbeck

Mehr als die Hälfte aller jungen Erwachsenen eines Jahrgangs machen heute Abitur. Mittlerweile gibt es vom klassischen Gymnasium über Fachhochschulreife bis zur Lehre mit Abi viele Wege, die Berechtigung für ein Studium zu erwerben. Wer nicht den sogenannten ersten Bildungsweg, also den Durchmarsch von der ersten bis zur zwölften oder 13. Klasse nimmt, dem stehen heute viele zweite Bildungswege offen.

Von Mitte der 60er Jahre an öffnete sich das Bildungssystem nach und nach für alternative Wege zum Studium. Die Bildungsreformen der 70er Jahre ermöglichten einer breiten Masse junger Menschen Hochschulstudium oder Fortbildung und damit den gesellschaftlichen Aufstieg. "Ich war der erste Handwerksmeister, der es bis zum Minister gebracht hat", sagt der frühere Arbeitsminister und Erfinder der gleichnamigen Rente, Walter Riester, über sich.

In den 90er Jahren erkannte man in Deutschland zudem, dass Bildung nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der ökonomischen Vernunft ist. Im Vergleich zu anderen Industriestaaten hatte das Volk der Dichter und Denker eine erschreckend niedrige Zahl an jungen Leuten mit Abitur. Es begann eine regelrechte Offensive für mehr Bildung.

Mittlerweile gilt das Abitur den meisten Eltern als Standard-Schulabschluss, den ihre Kinder anstreben sollten. Dies ist zumindest in der Mittelschicht und in der Elite der Gesellschaft der Fall. Das Handwerk sieht den Trend zu Abitur und Studium inzwischen auch skeptisch, weil sich nicht mehr genug junge, gut qualifizierte Menschen für eine Ausbildung finden. Mit dem Angebot "Lehre plus Abitur" begegnen die Handwerker nun dem Bildungstrend.

Trotz der deutlich gestiegenen Zahl an Abiturienten will Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die alternativen Wege zum Abi aufrechterhalten: "Bildung ist der Schlüssel, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, und eine Voraussetzung für sozialen Aufstieg. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass es in Deutschland Angebote für Menschen gibt, die ihren Schulabschluss nachholen oder einen höheren Abschluss erwerben wollen", sagte Wanka unserer Redaktion.

Theoretisch hat heute jeder die Chance, eine Uni zu besuchen. Die Unterschiede zwischen Schülern aus sozial unterschiedlichen gestellten oder gebildeten Elternhäusern hätten sich im Laufe der Jahrzehnte verringert, analysiert der Bildungssoziologe Steffen Schindler. Sie sind aber keineswegs verschwunden. Der zweite Bildungsweg hilft auch heute noch den Benachteiligten: Sie besuchen seltener Gymnasien, bekommen ihr Abitur aber häufiger über die berufliche Bildung.

Quelle: RP
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