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Saigon
Vietnams Reiskorb leert sich

Saigon. Mit dem Anbau von Reis hat sich Nguyen Ngoc Van aus dem Mekongdelta einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet. In seinem Haus im Dorf An Lac Tay stehen ein Fernseher und zwei Kühlschränke. Eine ansehnliche Reihe schöner Hemden hängt im Kleiderschrank. Der Besucher bekommt einen Ventilator auf die Veranda gestellt. Es ist drückend heiß. "Vieles ist besser geworden", sagt die Mutter und reicht selbst gemachte Bonbons aus Banane, Erdnuss, Ingwer, Sesam und viel Zucker. "Händler kommen und kaufen unseren Reis, wir produzieren für den Weltmarkt und erzielen bessere Preise." Von Klaus Sieg

Aber zuletzt musste die Familie mit Ernteverlusten kämpfen, weil das Wasser aus dem tideabhängigen Kanal zu salzig war, mit dem Nguyen Ngoc Van seine kleinen Reisfelder bewässert. Obwohl die Küste fast 100 Kilometer entfernt ist. Manche der normalerweise drei Ernten pro Jahr fielen komplett aus. "Mit einer Ernte pro Jahr weniger reicht das Geld nicht, um Saatgut und Dünger für die nächste zu kaufen, wir müssen dann etwas bei der Bank leihen", erklärt Nguyen Ngoc Van und blickt über den Hof mit dem Steinsarkophag, in dem der Vater begraben liegt. Seit 30 Jahren bewirtschaftet die Familie die Farm.

Das Mekongdelta ist eine der fruchtbarsten Regionen weltweit. Aber wie lange noch? Der Klimawandel, der dadurch steigende Meeresspiegel, großflächige Waldzerstörung, die explodierende Zucht von Shrimps und massive Eingriffe in den Flusslauf gefährden die Produktion von Lebensmitteln im Delta. Einer, der davor seit Jahren warnt, ist der Umwelt- und Agrarwissenschaftler Duong Van Ni von der Universität in Can Tho. "An der Südspitze Vietnams wuchs früher das Land jedes Jahr etliche Meter in Richtung Meer, jetzt aber wird es wegen fehlender Mangroven durch Erosion zerstört", sagt der Forscher.

Die Provinz Can Tho ist berühmt für ihre schwimmenden Märkte. Auf Booten bieten Händler eine faszinierende Vielfalt an Gemüse und Obst: Okraschoten, Lotuswurzeln und Wasserspinat oder Guaven, Litschis und Drachenfrüchte. Die im Morgengrauen stattfindenden Märkte sind ein Touristenmagnet und Sinnbild für die fast paradiesische Fruchtbarkeit des Mekongdeltas. Der Agrarriese Vietnam ist der weltweit zweitgrößte Kaffee- und der größte Pfefferproduzent. Fast sieben Millionen Tonnen Reis exportiert das südostasiatische Land pro Jahr und Shrimps im Wert von 2,8 Milliarden Dollar. Hinzu kommen große Mengen Pangasius und Tilapia aus der Fischzucht.

Vieles davon stammt aus dem Mekongdelta mit seinen etwa drei Millionen Hektar Boden für Landwirtschaft und Aquakultur. Das sind 30 Prozent der Fläche für Landwirtschaft landesweit und mehr, als zum Beispiel ganz Dänemark hat. Das Mekong-Delta liefert über die Hälfte der Aquakulturprodukte und 70 Prozent des Obstertrags Vietnams. Jährlich wird im Delta mit 24 Millionen Tonnen mehr als 50 Prozent der Reismenge Vietnams produziert. Vom exportierten Reis stammen sogar 90 Prozent aus dem Mündungsgebiet des über 4500 Kilometer langen Flusses.

"Das Delta ist der Reiskorb für viele Menschen auf der Welt, wir schlagen also nicht nur für Vietnam Alarm", mahnt der Wissenschaftler mit Blick auf die Exportzahlen. In den letzten 15 Jahren aber seien 80 Prozent der Mangrovenwälder in Südvietnam überwiegend der Shrimps-Zucht zum Opfer gefallen. Und im oberen Teil des Mekong wurden in den vergangenen 20 Jahren fast zwei Drittel der Wälder abgeholzt. Wasser, das dort zuvor versickerte, fließt nun in das Mekong-System, was die Erosion fördert. Der massive Abbau von Sand für die Bauwirtschaft verstärkt dieses Phänomen. Zusätzlich treiben China und andere Anrainer am Oberlauf des Flusses den Bau mehrerer großer Staudämme voran. Das könnte schwerwiegende Folgen für das gesamte Einzugsgebiet haben, etwa das Ausbleiben der saisonalen Überschwemmungen, die so viele Nährstoffe in die Böden bringen.

Farmer im Mekongdelta verlieren dadurch Land. Viele haben aber vor allem mit der Versalzung ihrer Böden zu kämpfen. Einerseits durch den steigenden Meeresspiegel, andererseits durch die Vertiefung der Flussläufe, durch die das schwere Salzwasser unter dem stromabwärts fließenden Süßwasser immer weiter stromaufwärts vordringen kann. Auf dem Weg zu seinem Feld zeigt Nguyen Ngoc Van den Bewässerungskanal und die kleine Schleuse, mit der er sein einen halben Hektar großes Land fluten kann. Nguyen Ngoc Van hockt sich auf den kleinen Damm und schaut über die hellgrüne Fläche. In den anliegenden Feldern gehen die Nachbarfarmer durch die Reihen mit kleinen Reispflanzen und jäten Unkraut. Was aus dieser Ernte wird, wissen sie nicht. "Eigentlich lassen wir die Schleuse immer 100 Tage offen, dann schließen wir sie, ernten und pflanzen neu." Aber vor kurzem hat Nguyen Ngoc Van Salzkristalle am Pfeiler der kleinen Brücke im Dorf entdeckt und die Schleuse vorsichtshalber geschlossen.

Mit zehn Tonnen pro Hektar sind die Böden im Ke Sach Distrik im vietnamesischen Vergleich eigentlich sehr ertragreich. Doch die Probleme nehmen seit einigen Jahren zu. Selbst Nachbar Le Van Loi, der auf der Hälfte seines Landes Litschi anbaut, berichtet von Salz auf seinen niedrig gelegenen Flächen. "Zuerst werden die Blätter der Bäume gelb, dann fallen sie zu früh ab", sagt er und verschränkt die Arme hinter seinem hageren Oberkörper. "Die Bäume sterben zwar nicht, tragen aber deutlich weniger Früchte." Dabei war er eigentlich auf Litschi umgestiegen, weil sie weniger Arbeit und mehr Einnahmen bringen sollten. Nun macht er sich Sorgen um seine 700 Bäume.

In Richtung Süden wird die Landschaft immer karger. Die Kanäle und Straßen durchziehen schnurgerade das sumpfige Land. Erntemaschinen fressen sich durch die goldgelben Reishalme auf den Feldern. Prall gefüllte Säcke mit Reis warten am Straßenrand auf den Abtransport. Kinder lassen Drachen auf den Stoppelfeldern steigen, bevor diese abgebrannt werden. Rauchschwaden verdunkeln die untergehende Sonne. Überall wird gearbeitet auf den Feldern und in den Gärten. Die Antworten auf Fragen zum Salzproblem fallen allerdings sehr unterschiedlich aus. Ein Bauer hat einen Teil seiner Bananenstauden wegen Versalzung verloren, ein Reisfarmer sogar eine ganze Ernte. Andere schütteln bei der Frage nach Problemen den Kopf. Dass die Versalzung nicht überall in gleichem Maße auftritt, hatte Duong Van Ni von der Universität Can Tho bereits vorhergesagt.

Der Wissenschaftler schlägt konkrete Gegenmaßnahmen vor. "Wir müssen jetzt lokal handeln", sagt er. Mit seinem Team hat er zum Beispiel ein Überwachungssystem entwickelt, das Farmer per SMS vor einem zu hohen Salzgehalt in dem Wasser ihrer Region warnt. So können sie rechtzeitig die Schleusen der Bewässerungskanäle schließen. Wichtig wären darüber hinaus salzresistente Reissorten. Denn auf die Umsetzung globaler Klimaziele können die Farmer im Mekondelta nicht warten.

Quelle: RP
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