| 21.38 Uhr

Produktionsstopp bei Volkswagen
Achillesferse eines Autokonzerns

Volkswagen: Achillesferse eines Autokonzern
Dunkle Wolken über Wolfsburg. Wieder einmal. FOTO: dpa, jst cul fpt gfh
Düsseldorf. Ein Zulieferer weigert sich, Teile an VW zu liefern, und legt damit ab Montag die Produktion in Wolfsburg lahm. Ist das Beleg für die Abhängigkeit der Konzerne von Lieferanten? Oder das Aufbäumen gegen einen Konzern, der den Abgasskandal-Kostendruck weitergibt? Von Florian Rinke

Im Volkswagen-Stammwerk Wolfsburg werden nächste Woche keine Golf-Autos gebaut. Die Produktion ruhe ab der Frühschicht am Montag und dauere die gesamte Woche, sagte ein Unternehmenssprecher am Samstag. Hintergrund ist der Streit des Konzerns mit zwei Firmen, die ihre Lieferungen eingestellt haben.

Anfang der Woche soll weiterverhandelt werden. VW und die beiden Lieferanten ES Automobilguss sowie Car Trim vertagten ihre Gespräche über eine Lösung des Konflikts auf Montag. Aus Zulieferkreisen hieß es, dass man auf weitere Verhandlungen am Wochenende eingestellt gewesen sei, der Konzern aber keine Gespräche am Samstag und Sonntag gewünscht habe. Ein Sprecher der Wolfsburger wies dies jedoch zurück: Man habe die Beratungen in der Nacht zum Samstag unterbrochen - aber in gegenseitigem Einvernehmen zugleich auch einen Folgetermin für den Montag vereinbart.

Angesichts der Fülle von Problemen, die VW gerade hat, wirkt es fast schon skurril, dass ausgerechnet Sitzbezüge für einen Zusammenbruch der Produktion sorgen. Sammelklagen und der Rückruf von Millionen Fahrzeugen, erzürnte Kunden und ermittelnde Staatsanwälte - der Abgasskandal hat den Volkswagen-Konzern ins Wanken gebracht, aber bislang nicht zu Fall. Doch seit der Streit mit zwei Tochterfirmen der Prevent-Gruppe eskalierte und diese die Belieferung mit Sitzbezügen und Getriebeteilen einstellten, ist VW endgültig im Krisenmodus: Die Produktion musste gedrosselt werden, 7500 Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit, insgesamt könnte es sogar 20.000 Beschäftigte treffen. Kurzarbeit - darüber wurde zuletzt 2009 nachgedacht, nachdem das weltweite Bankensystem kollabiert war und die Weltwirtschaft in die Krise gestürzt hatte.

Ordnungshaft und Beschlagnahmung

Die Lage ist ernst in Wolfsburg, das zeigt schon die Wortwahl: Um die Produktion von Golf und Co. nicht länger zu gefährden, ist die Rede von Zwangsmaßnahmen, Ordnungsgeld, Ordnungshaft und Beschlagnahmung. Das verbale Gepolter zeigt, wie zerbrechlich das Gebilde des einst stolzen Automobilkonzerns geworden ist.

Jahrelang haben die Volkswagen-Manager mit großem Selbstbewusstsein und Machtanspruch ihren Willen durchgesetzt, nun proben offenbar selbst die Kleinen den Aufstand gegen den Weltkonzern.

Juristisch scheint Volkswagen in diesem Fall zwar auf den ersten Blick Opfer und nicht Täter zu sein - mit zwei einstweiligen Verfügungen gegen die Prevent-Töchter hat sich das Landgericht Braunschweig zunächst auf die Seite des Autobauers geschlagen -, doch für Richter geht es am Ende immer nur darum, auf Basis der vorliegenden Fakten, also zum Beispiel Verträgen, zu entscheiden.

Finanzieller Ausgleich

Per Pressemitteilung und in Hintergrundgesprächen verbreiten beide Parteien daher ihre Version der Wahrheit, doch die stirbt bekanntlich im Krieg immer zuerst. Aus Sicht von VW, so ist zu hören, ist die Absage eines Zukunftsprojektes die Wurzel der Querelen. Angeblich war VW prinzipiell zu einem finanziellen Ausgleich bereit, doch der Zulieferer soll unrealistische Forderungen gestellt haben.

Die Geschäftsleitung von ES Automobilguss, einem der beteiligten Zulieferer, sieht die Fehler hingegen im Konzern: VW habe frist- und grundlos Aufträge gekündigt, wodurch ES Automobilguss sowie dem zweiten Zulieferer Car Trim ein Schaden im mittleren zweistelligen Millionen-Bereich entstanden sei. "VW zwingt uns zu diesem Vorgehen, um unsere eigenen Mitarbeiter zu schützen und letztlich den Fortbestand des Unternehmens zu sichern", sagt Alexander Gerstung, Mitglied der Geschäftsleitung. VW, so der Vorwurf, nutze seine Stellung aus, um den Zulieferer unter Druck zu setzen.

Der Vorwurf ist nicht neu. Schon seit einiger Zeit kursieren Gerüchte in der Branche, VW setze Lieferanten unter Druck, um die Kosten zu senken - die Milliardensummen, die wegen des Abgasskandals an Strafen fällig werden, sollten zum Teil durch Sparmaßnahmen bei den Zulieferern reingeholt werden, wird kolportiert, während Niedersachsens Landesregierung und der mächtige Betriebsrat die Arbeitsplätze der VW-Belegschaft schützen. Öffentlich äußert das natürlich kein Unternehmen, speziell für kleinere Zulieferer ist VW oft der wichtigste Kunde. Auch bei ES Automobilguss stellt man die Vorgänge nun praktisch als Notwehr dar: "Die Art und Weise, wie VW mit Zulieferern umgeht, ist in keiner Weise akzeptabel und kann jeden kleinen Betrieb in den Ruin treiben", so Gerstung. Gleichzeitig appellierte er an die Landespolitiker, nicht einseitig Partei zu ergreifen, sondern sich neutral zu verhalten. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hatte das Verhalten der Zulieferer zuletzt im Landtag als nicht nachvollziehbar bezeichnet.

Forderungen nach Abgas-Skandal

Doch die Bitte enthält auch einen versteckten Vorwurf, denn VW und die Politik sind seit jeher eng miteinander verbunden: Niedersachsen ist einer der wichtigsten VW-Aktionäre und hält schützend die Hand über den wichtigsten Konzern des Landes. Das gipfelte zuletzt darin, dass man sich bei der Hauptversammlung, als es um die Entlastung des Vorstandes ging, zwar bei zwei Personalien enthielt, dem Rest des Vorstandes aber die Entlastung erteilte - obwohl die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen weiter andauern.

Nicht anders verhält es sich auf Bundesebene. Während die USA oder auch Südkorea mit aller Härte wegen des Betrugs bei Diesel-Werten gegen den VW-Konzern vorgehen, forderte die Bundesregierung VW zwar auf, die betroffenen Fahrzeuge nachzubessern - mehr aber auch nicht. Eine Entschädigung für Kunden gibt es, anders als in anderen Ländern, nicht - dafür jedoch eine E-Auto-Prämie, die mit Steuermitteln für neue Geschäfte der Auto-Industrie sorgen soll. Und nach Recherchen des WDR notierte man im Bundeswirtschaftsministerium im Oktober 2015, dass die Bundesregierung die Aufklärung der Affäre "außenpolitisch flankieren" solle.

In diesem Klima konnte in der Vergangenheit der Größenwahn bei VW gedeihen. Kaum vorstellbar, dass ein Politiker gegen die Interessen des Konzerns entscheiden würde. Kaum vorstellbar, dass sich ein kleiner Zulieferer gegen den mächtigen Kunden stellen könnte. Vielleicht hat sich VW auch deshalb in Sicherheit gewogen und sich die Getriebeteile von keinem zweiten Zulieferer liefern lassen, wie es in der Branche bei vielen Teilen üblich ist. Das sparte zwar Kosten, erhöht aber auch das Risiko eines Ausfalls. Was soll schon passieren, mögen sich die Manager gedacht haben. Solche Gewissheiten gibt es bei VW jedoch nicht mehr. Das Bild des Weltkonzerns, es leidet - selbst verschuldet oder nicht.

(RP/dpa)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Volkswagen: Achillesferse eines Autokonzern


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.