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Paris
Vom schwarzen Gold zum Schwarzen Peter

Paris. Beim Klimagipfel sitzt die Kohle auf der Anklagebank. Dabei haben ihr NRW und Europa wirtschaftlich und politisch viel zu verdanken. Von Antje Höning

Für die Kohle brechen schwarze Zeiten an. Allianz, Rockefeller-Stiftung, Norwegens Pensionsfonds - immer mehr Investoren kündigen an, aus der Kohle auszusteigen. Gestern erklärte die niederländische Bank ING Diba, dass sie keine Kredite mehr an Unternehmen vergebe, die zu mehr als 50 Prozent von Kohlestrom abhängen. Wenn ab Montag 150 Staatschefs in Paris über die Rettung des Weltklimas diskutieren, sitzt vor allem die Kohle auf der Anklagebank. Bei ihrer Verfeuerung entsteht viel Kohlendioxid, das hauptverantwortlich für die Erderwärmung ist.

Was für ein Wandel. Heute ist die Kohle der Schwarze Peter, den keiner haben will. Vor 60 Jahren war sie das schwarze Gold, das das deutsche Wirtschaftswunder möglich machte. "Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt", heißt es in der Hymne von Herbert Grönemeyer an seine Heimatstadt Bochum.

Ohne Kohle würde es halb NRW nicht geben. Die Städte im Ruhrgebiet verdanken ihren Aufstieg im 19. Jahrhunderts den Zechen, um die herum sie entstanden. Auf dem Höhepunkt gaben Zechen 600.000 Menschen Arbeit. Die Bedeutung der Kohle half Gewerkschaften in Deutschland wie Großbritannien, sozialen Fortschritt durchzusetzen. Ohne die Streikmacht der Kumpel hätte es Bismarcks Sozialgesetzgebung so nicht gegeben.

Als Deutschland nach 1945 in Trümmern lag, sorgte die Politik dafür, dass als erstes die Gruben wieder flottgemacht wurden. Bergleute erhielten mehr Lebensmittelmarken und Care-Pakete als andere. Erdöl hatte damals noch keine Bedeutung, Kohle lieferte die Energie für den Wiederaufbau. Mit 150 Millionen Tonnen erreichte die Steinkohle-Förderung in Deutschland 1957 ihren Höhepunkt. Zwischen 1951 und 1953 wuchs das Sozialprodukt in NRW mit zweistelligen Raten. Heute ist das Land schon froh, wenn es nicht schrumpft.

Ebenso wichtig für das Land war die Braunkohle. Zunächst wurde sie zu Briketts gepresst, ab 1910 zur Stromerzeugung verfeuert. Nicht umsonst hieß eins der ersten Felder, das bei Garzweiler abgebaut wurde, "Rheingold". Der Braunkohle-Abbau im rheinischen Revier erreichte den Rekord 1984 bei 120 Millionen Tonnen. Noch heute ist Deutschland größter Braunkohle-Produzent der Welt. Bundesweit hängen 86.000 Stellen an ihr, davon 11.000 direkt im rheinischen Revier.

Braunkohle ist der einzige subventionsfreie und grundlastfähige Energieträger, über den Deutschland verfügt. Ökostrom ist subventioniert, unstet und wegen fehlender Speicher bis heute nicht in der Lage, ein Industrieland zuverlässig mit Strom zu versorgen.

Kohle stand auch am Anfang des heutigen Europa. Die Keimzelle von Europäischer Union und Euro-Zone war die 1950 gegründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Deren Mitglieder (die Bundesrepublik, Frankreich, Italien, Benelux-Staaten) konnten einander Kohle und Stahl liefern, ohne Zoll zahlen zu müssen. Am 9. Mai 1950 hatte der französische Außenminister Robert Schuman die Montanunion in einer Rede angestoßen: "Die Zusammenlegung der Kohle- und Stahlproduktion wird die Bestimmung jener Gebiete ändern, die lange Zeit der Herstellung von Waffen gewidmet waren." Kohle als Friedensstifter - noch heute ist der 9. Mai Europatag.

Doch die Zeit der Kohle läuft ab. Ende des Jahres schließt mit "Auguste Victoria" in Marl die drittletzte Zeche, 2018 ist endgültig Schicht in deutschen Steinkohle-Schächten. Seit den 60er Jahren hat deutsche Steinkohle 130 Milliarden Euro an Subventionen bekommen.

Nun soll es Kraftwerken an den Kragen gehen, die Importkohle und Braunkohle verfeuern. Denn was wirtschaftlich jahrzehntelang ein Segen war, ist längst zum Fluch fürs Klima geworden. Bei der Verfeuerung einer Tonne Braunkohle entsteht naturgemäß rund eine Tonne Kohlendioxid (CO2) - so viel wie bei keinem anderen Energieträger. Bei einem Gaskraftwerk fällt nur ein Drittel so viel CO2 an, von Windrädern und Atommeilern zu schweigen. Ein Problem, denn 26 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Braunkohle, 18 Prozent aus Steinkohle. Alle Versuche, CO2 abzuscheiden und zu vergraben, sind am Widerstand von Anwohnern der Lagerstätten gescheitert.

"Die Kohleverstromung hat noch eine Gegenwart, aber keine Zukunft mehr", sagt Reiner Priggen, Urgestein der Grünen. Doch wann fängt die Zukunft ohne Kohle an? Priggen meint: "Ein sozialverträglicher Ausstieg aus der Braunkohle wäre innerhalb von 15 Jahren möglich." RWE hält offiziell an den Planungen bis 2045 fest. "Der Ausstiegspfad bis 2045 ist beschrieben, nun sollte die Politik die Menschen nicht wieder verunsichern", sagt Dieter Faust, Betriebsrats-Chef von RWE Power.

Umweltministerin Barbara Hendricks, die zunächst von 20 bis 25 Jahren gesprochen hatte und dafür von der Parteispitze mächtig gerüffelt worden war, ruderte gestern zurück: "Man braucht vielleicht sogar auch länger."

Quelle: RP
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