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Bagdad
Von den Briten im Stich gelassen

Bagdad. In Großbritannien reißt die Kritik am Kriegseinsatz im Irak nicht ab - im irakischen Basra hingegen werden die einstigen Besatzer vermisst. Von Birgit Svensson

"Die Briten sind gegangen, ohne etwas zurückzulassen", klagt Hatam al Bachary. Der Chef der irakisch-britischen Handelskammer in Basra sagt, die Iraker hätten sich erhofft, dass zumindest zivile britische Organisationen in der Stadt blieben. "Aber alles, alles ist mit den Truppen weg." Es gebe keine britischen Investitionen, kein Konsulat mehr, kaum Handelsbeziehungen. Sie seien gänzlich dem Einfluss des Iran ausgeliefert worden.

Britische Truppen waren Teil der internationalen Koalition unter Führung der USA, die im März 2003 im Irak einmarschierte. Die Militäraktion führte zum Sturz Saddam Husseins, der das Land seit dem Ende der 70er Jahre diktatorisch regiert hatte. Von Anfang an war die Rolle Großbritanniens, das nach den Amerikanern das größte Truppenkontingent stellte, heftig umstritten. Über den damaligen britischen Premier Tony Blair witzelten auch die Iraker als einen Pudel am Gängelband des "Rudelführers" George W. Bush, dem damaligen US-Präsidenten.

Die Südprovinzen des Irak mit der damals drittgrößten Stadt des Landes, Basra, kamen unter britische Kontrolle. Bagdad und den Norden Iraks kontrollierten die Amerikaner. Insgesamt 179 britische Soldaten haben in den sechs Jahren britischer Besatzung ihr Leben gelassen. Wie viele Iraker im Widerstand gegen ihre Besatzer umkamen, ist nicht klar. Zahlen zwischen 200.000 und einer Million kursieren. Die US-Administration gab lediglich die Opferzahlen aus ihren Reihen und den mit ihnen verbündeten Sicherheitskräften bekannt. Zivilisten spielten in ihrer Statistik keine Rolle.

Anders als in Bagdad bedauern sie in Basra das Ende der Besatzung. Die Briten seien zu früh abgezogen, sagen hier vor allem junge Leute hinter vorgehaltener Hand. Sie hätten die Stadt und die Menschen dem Einfluss des Iran überlassen. Der derzeitige Kampf diverser Schiitenmilizen um die Vorherrschaft über die seit dem Terror des IS jetzt zweitgrößte Stadt des Irak sei auch eine Folge verfehlter britischer Politik. Schon damals hatte US-Oberst Peter Mansoor den Rückzug der Briten aus Basra als eine Niederlage bezeichnet. Der britische "Telegraph" titelte: "Nicht unsere beste Stunde!" und sprach von dubiosen Deals der Militärführung mit den Aufständischen. Basra sei in einer verzweifelten Notlage, so Mansoor, der in Bagdad mit General David Petraeus zusammenarbeitete. Und tatsächlich: Nachdem die Briten sich auf ihren Stützpunkt am Flughafen zurückgezogen hatten, rückte der damalige irakische Premier Nuri al Maliki mit der Armee in die Stadt ein, um die Miliz des mit ihm rivalisierenden Schiitenführers Moktada al Sadr zu bekämpfen. Blutige Gefechte waren die Folge. Schließlich griffen Amerikaner und Briten ein und entschieden zugunsten der Regierungstruppen. Doch der politische Konflikt ist bis heute nicht beigelegt, die Wunden von damals sind nicht verheilt. Zwar gelingt es der sunnitischen Terrormiliz IS trotz zahlreicher Versuche nicht, im schiitisch geprägten Basra Fuß zu fassen, doch Kriminalität und Korruption grassieren wie nirgendwo sonst im Irak. Die Schiitenmilizen teilen die Stadt untereinander auf, die irakische Armee ist in Basra selbst nicht mehr präsent. Inzwischen wollen viele Einwohner Basras und mittlerweile auch die Verantwortlichen in Stadt- und Provinzrat eine Loslösung von Bagdad und volle Autonomie für die Region im Süden.

Das macht sich auch im Straßenbild Basras bemerkbar. Als die Briten das Sagen hatten, sah man viele Frauen unverschleiert oder nur mit einem lockeren Schal auf dem Kopf. Jetzt tragen nahezu alle Frauen schwarze Abbajas, lange Mäntel mit einem alle Haare verdeckenden schwarzen Schleier. Sogar die Vollverschleierung nimmt zu. Von den Briten im Stich gelassen fühlt sich auch Kasim Mohammed al Fayad, Mitglied der Industrie und Handelskammer in Basra. "Schauen Sie sich doch mal auf den Märkten und in den Geschäften um", rät er. "Alles Waren aus dem Iran, wir haben keine Balance in unserem Angebot." Andere gehen noch einen Schritt weiter und sagen: "Erst haben die Briten hier alles aufgemischt, dann sind sie abgehauen." Zitiert werden wollen sie mit dem Satz aber nicht. Die Angst vor den "iranischen Ohren" in der Stadt ist zu groß.

In Bagdad hingegen haben sie in diesen Tagen andere Sorgen. "Die Briten sind doch weit weg", sagt ein Passant. "Was soll es geben?", fragt er nochmals nach, einen Bericht über die Invasion der Briten im Irak 2003? "Das ist doch kalter Kaffee", bemerkt ein anderer. "Dort drüben zählen sie noch immer die Toten", kommentiert er und zeigt auf die gegenüberliegende Seite des Tigrisufers, wo in Karrada am Sonntag der verheerende Bombenanschlag mittlerweile 250 Tote forderte. Aus ihrer Sicht ist es absurd, nach so langer Zeit einen Bericht über Sinn und Zweck der Besatzung vorzulegen.

Quelle: RP
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