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Hillary Clinton
Vor dem Ziel

Columbia. Ihr Wahlkampf begann holprig, doch jetzt scheint Hillary Clinton auf der Siegerstraße. Zu verdanken hat sie das den schwarzen Wählern – und ihrer eigenen Biografie. Von Frank Herrmann

Der Bariton des Pastors dröhnt durch die Kirche, als wäre dies ein Rockfestival. "Sie hat immer ihre Pflicht erfüllt", stellt Ricky Ray Ezell, der Pfarrer der Central Baptist Church in Columbia, die Kandidatin vor. Ob als First Lady im Weißen Haus, als Senatorin oder als Außenministerin, stets habe Hillary Clinton ihren Job gut gemacht, eisern diszipliniert, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. "Sie hat ihrem Land früher gedient, sie dient ihm heute, sie wird ihm in Zukunft dienen."

Hillary im Weißen Haus? Seit Clinton die Vorwahl der Demokraten am Sonntag mit einem Erdrutschsieg für sich entschied, sieht es ganz so aus, als könnte sie schon bald als Kandidatin ihrer Partei feststehen. Nach Iowa, New Hampshire und Nevada sollte die Vorwahl in South Carolina erstmals Aufschlüsse darüber geben, wem Afroamerikaner den Vorzug geben. Das Votum ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, und es verheißt nichts Gutes für Clintons Rivalen Bernie Sanders. In sechs der elf Bundesstaaten, in denen die Demokraten morgen, am Super Tuesday, ihren Kandidaten bestimmen, bilden schwarze Amerikaner eine Macht an der Basis. In Alabama, Arkansas, Georgia und Tennessee, vielleicht auch in Virginia und Texas, dürfte dies klare Vorteile für Clinton bedeuten. Legt man das Resultat in South Carolina zugrunde, ist absehbar, dass ihr Siegeszug in den Südstaaten anhalten wird.

Die Basis dafür hat Clinton bei Auftritten wie in der Central Baptist Church in Columbia gelegt. Keine zehn Minuten redet sie, dann überlässt sie die Bühne trauernden Müttern, als wollte sie den Worten des Reverends Ezell Nachdruck verleihen. Als wollte sie unterstreichen, dass sie nicht ständig im Scheinwerferlicht stehen muss, anders als das Kontrastprogramm bei dem Republikanern, der Egomane Donald Trump, bei dem sich immerzu alles nur um ihn dreht. Nach zehn Minuten haben afroamerikanische Frauen das Wort, deren Söhne von Polizisten - und in einem Fall von einem privaten Nachbarschaftswächter - getötet wurden. Unter der Palmenflagge South Carolinas sitzen sie in einem Halbkreis um Clinton. Mehrfach fällt das Wort "Sisterhood", es soll beschreiben, dass sie sich als Schwestern im Leid verstehen, und es bezieht die Politikerin ausdrücklich ein. "Es gab eine Zeit, da hat mir von den heutigen Kandidaten kein einziger zugehört. Niemand bis auf Hillary Clinton", sagt Sybrina Fulton, deren Sohn Trayvon Martin 2012 in Florida von dem weißen Wachmann George Zimmerman erschossen wurde.

Natürlich ist er perfekt inszeniert, der Auftritt in der Baptistenkirche, der weniger an Wahlkampf denken lässt und mehr an einen therapeutischen Stuhlkreis samt Publikum. Clintons Kampagne soll ein Triumph der Bescheidenheit sein. Nebenbei ist es auch eine Versöhnungsfeier, die ihre Regie zelebriert. Die allermeisten Afroamerikaner stimmten 2008 beim Wettstreit der Demokraten für Barack Obama. Kaum einer wollte sich die historische Chance entgehen lassen, erstmals einem Bewerber mit dunkler Haut den Weg ins Oval Office zu ebnen. Clinton hatte das Nachsehen, nun aber ist sie an der Reihe.

Keine Experimente: Vielleicht macht gerade das den Charme einer Politikerin aus, die sorgfältig abwägend versucht, die politische Mitte zu besetzen. Das war nicht immer so. 1993, da zog sie an Bills Seite ins Weiße Haus, beanspruchte sie eine Art Co-Präsidentschaft. Nie zuvor hatte sich eine Präsidentengattin ein eigenes Büro im West Wing an der Pennsylvania Avenue, einrichten lassen. Clinton übernahm den Vorsitz einer Taskforce, die eine Gesundheitsreform entwerfen sollte, weitreichender als das, was Obama zwei Jahrzehnte später durchs Parlament brachte. Sie scheiterte, weil sie die nötige Kompromissbereitschaft vermissen ließ und die Spielchen der Washingtoner Politik nicht mitspielen wollte. Nachdem die Demokraten bei der Kongresswahl 1994 eine Schlappe einstecken mussten, gab sie in einem Interview zu verstehen, sie werde sich nunmehr mit einem Platz auf dem Rücksitz begnügen und alles tun, "was mein Ehemann von mir verlangt, wenn er denkt, dass es ihm helfen kann". Es war ein Kniefall, hart am Rande der Demütigung. Bill gelang ein glänzendes Comeback. Hillary reiste um die Welt und hielt 1995 auf einer UN-Konferenz in Peking ihre wohl beste Rede ("Menschenrechte sind Frauenrechte, und Frauenrechte sind Menschenrechte"). Doch im eigenen Land war sie die zurechtgestutzte First Lady, die nur noch von der Seitenlinie der Politik zuschauen durfte. Es sind diese Jahre, die ihre spätere Vorsicht erklären.

Hillary Clinton schleppe zu viel Gepäck mit sich herum, ist ein Satz, den man oft hört. Das schwerste Gepäckstück ist wohl ein Votum im Oktober 2002, mit dem George W. Bush von 77 der 100 US-Senatoren ermächtigt wurde, im Konflikt mit dem Irak bewaffnete Gewalt anzuwenden. Auch Clinton stimmte dafür. Dieses Votum war 2008 ein wichtiger Faktor, der sie das Duell gegen Obama verlieren ließ. 2016 belastet es sie erneut, diesmal im Rennen gegen Sanders, der betont, dass der früheren Außenministerin all ihre Erfahrung nichts nütze, wenn sie in entscheidenden Momenten gesundes Urteilsvermögen vermissen lasse. Da wirkt es wie Seelenbalsam, was Sybrina Fulton zum Schluss über die Kandidatin zu sagen hat. "Diese Frau ist aufgestanden, als sich kein anderer Politiker um uns gekümmert hat. Wenn sie gegen all diese Männer aufsteht, dann schafft sie es auch bis ans Ziel. Meine Stimme gehört Hillary."

Quelle: RP
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