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Wiesbaden
Waffen aus dem Darknet: BKA ermittelt gegen 85 Verdächtige

Wiesbaden. Cyber-Kriminalität richtet mindestens 40,5 Millionen Euro Schaden an. Sie gleicht vereinzelt bereits einer "wachsenden Industrie". Von Gregor Mayntz

Seit dem Münchner Amoklauf mit zehn Toten ist das Darknet, der dunkle und verborgene Teil des Internets, in den Blick gerückt. Der Attentäter soll sich dort die Waffe anonym besorgt haben. Und er ist längst nicht der einzige illegale Käufer im anonymen Cyberraum. Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), sagte, es werde in mehr als 80 Verfahren gegen 85 Verdächtige ermittelt. Dabei geht es um Waffen- und Sprengstoffhandel im Darknet. Er bedauerte, dass für Online-Durchsuchungen nach Passwörtern von Beschuldigten die rechtlichen Voraussetzungen fehlten.

Das Darknet ist für den gewöhnlichen Surfer nicht zugänglich. Er benötigt spezielle Browser oder Programmmodule, damit der unsichtbare Teil für ihn einsehbar wird. In totalitären Staaten nutzen Oppositionelle das Darknet zur unauffälligen Kommunikation. Deshalb ist für das Innenministerium das Darknet an sich "weder gut noch böse". Allerdings tummeln sich hier viele Nutzer mit kriminellen Absichten, bilden sich vorübergehend immer wieder Verkaufsplattformen, über die Rauschgift, Waffen und sogar kriminelle Dienstleistungen mit Schadstoffprogrammen oder gestohlenen Kontoinformationen angeboten werden. Die IP-Adressen sind anonymisiert, weswegen die Polizei vor allem dann zuschlägt, wenn Ware auch tatsächlich geliefert wird. Häufig tun die Verkäufer auch nur so, als könnten sie Waffen liefern - und machen sich mit dem Geld dann anonym aus dem Staub. Jedenfalls begünstigt das Darknet laut BKA den Handel mit sogenannten reaktivierten Schusswaffen. In vielen Ländern seien nicht scharfe Dekorations- oder Theaterwaffen frei verkäuflich. Sie könnten durch Umbauten aber schussfähig gemacht werden. Mit einem solchen Exemplar sollen auch in München die tödlichen Schüsse abgefeuert worden sein.

Die Cyber-Kriminalität bezeichnete Münch bei der Vorstellung eines neuen Lagebildes als "wachsendes Gewerbe", das in einzelnen Bereichen bereits die Dimension von "wachsender Industrie" angenommen habe. Auch die organisierte Kriminalität (OK) entdecke das Netz für Raubzüge, Erpressungen und andere Verbrechen. Ermittelte das BKA 2013 noch gegen sechs OK-Gruppierungen im Netz, waren es vergangenes Jahr bereits 22.

Um 2,8 Prozent auf 40,5 Millionen Euro stieg der Schaden, den das BKA unter Cyber-Kriminalität registrierte. Doch das Dunkelfeld wird deutlich größer vermutet. Außerdem gibt es statistische Unschärfen: Das zunehmende Phänomen, private oder geschäftliche Rechner zu kapern und mit dem Löschen wichtiger Daten zu drohen, wenn kein Lösegeld gezahlt wird, zählt die Polizei etwa zum Bereich Erpressung, nicht zur Cyber-Kriminalität.

Gewerkschaften innerhalb von Zoll und Polizei forderten mehr Personal und bessere Ausstattungen. Auch Münch brachte die Fähigkeiten des BKA auf das Bild: "Wir spielen Bundesliga." Zur Champions-League-Reife in Sachen internationaler Cyber-Kriminalität müssten Kader und Budget größer werden.

(may-)
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