Künstler für den Kanzler: Wahlkampf im Schatten des Fußballs
zuletzt aktualisiert: 26.06.2002 - 12:16Berlin (RP). So hätte es laufen können: Deutschland scheitert schon nach drei WM-Spielen. Die große Malaise im Fußballvolk trifft auf die deprimierende Pisa-Stimmung, vereinigt sich mit dem blauen Brief über zu hohe Schulden und den Besorgnissen der Wirtschaftler und Militärs zu einer einzigen großen Schlusslicht-Tristesse.
Edmund Stoibers Wahlkampf-Idee: Gerhard Schröder wird schon nach einer Spielzeit vom Wähler wieder ausgewechselt. Doch wem ist in diesen Tagen noch nach "Blues", wo Fanfaren nur noch "Finale" tönen? Stoiber kann seinen "Schlusslicht"-Wahlkampf knicken. Es riecht nach Weltmeister. Und Schröder wittert seine Chance: Langsam sein Interesse für die Spiele steigernd, wirft er sich nun mit vollem Einsatz in die Jubel-Ränge: Anstrengender G-8-Gipfel in Kanada? Aufwändige Anreise? Ganz egal: Endspiel ist Chefsache. Und so fliegt Chef mit seiner Begleitung nach Japan.
Kulturschaffende haben den Wert des Fußballs für die im SPD-Wahlkampf bislang vergeblich erhoffte Stimmungswende als erste plakatiert. Zusammengebracht von Manfred Bissinger (Ex-"Woche") und Michael Jürgs (Ex-"Stern") haben Regisseure und Produzenten, Lyriker und Musiker, Schauspieler und Schriftsteller eine ganzseitige Anzeige gekauft, um zu bekunden, dass sie Gerhard Schröder wieder wählen wollen.
Solche Bekenntnisse sind in den letzten Tagen vor Wahlen durchaus üblich. Weniger üblich jedoch sind sie drei Monate zuvor. Doch die Überschrift macht deutlich, warum Iris Berben, Senta Berger, Hannelore Elsner und 19 weitere gerade jetzt "Bürger für Schröder" sein wollen: Sie fordern eine "zweite Halbzeit". Im Text geht es um "Stadion Deutschland", "Trainer Schröder", taktische Fehler, eine falsch aufgestellte Mannschaft. Die Image-Anlehnung sagt: Der Fußballjubel soll die Schröder-Stimmung beflügeln.
Was außer Schröder bislang keiner weiß, wie es nämlich nach dem 22. September unter seiner Führung weiter gehen könnte, wird von Michael Ballhaus, Hark Bohm, Hans W. Geissendörfer, Günter Grass, Hanns Dieter Hüsch, Marius Müller-Westernhagen, den "Puhdys" und anderen jetzt schon angekündigt: "In der zweiten Halbzeit muss es auf vielen Positionen andere Spieler geben. Die Taktik wird dann umgestellt auf Angriff und auf Steil- statt Querpässe. Undogmatische Dribbler auf den Flügeln werden für neuen Schwung sorgen."
Sie beschreiben die Zeit nach den Wahlen. Doch sie meinen ganz aktuell vor allem eines: Käthes Kicker sollen für den Kanzler kämpfen. Aber Olli Kahn, der Retter, ist ein Bayer.
Von GREGOR MAYNTZ
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