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Analyse
Warum Google Facebook fürchten muss

Berühmte Tippfehler, die die Welt veränderten
Berühmte Tippfehler, die die Welt veränderten FOTO: ap, Walter Bieri
Düsseldorf/San Francisco. Die Aktie von Twitter sprang hoch, weil Google den Kurznachrichtendienst angeblich kaufen will. Facebook und teilweise auch Apple graben ihrem Wettbewerber Google immer mehr das Wasser ab. Von Daniel Fiene und Reinhard Kowalewsky

Geht es um extrem erfolgreiche Unternehmen, stellen sich angelsächsische Experten immer die gleiche Frage: Handelt es sich um ein "One-trick-Pony", beherrscht die Firma also wie ein tolles Zirkuspferd vielleicht nur einen genialen Trick, um die Kunden zu begeistern? Oder ist das Management in der Lage, mit immer neuen Innovationen und hoher Kundennähe die Erfolgsgeschichte auf Dauer fortzuschreiben?

An genau dieser Wegmarke scheint Google als lange Zeit erfolgreichster Online-Konzern der Welt angelangt zu sein. Die Werbung bei der Google-Suchmaschine floriert zwar, das Betriebssystem Android ist Kern von rund 75 Prozent der Smartphones weltweit, doch gleichzeitig zeigt das Unternehmen mit seinen rund 60 000 Mitarbeitern große Schwächen. Und als die Aktie des Kurznachrichtendienstes Twitter am Dienstag wegen eines vermuteten Übernahmeangebots von Google hochsprang, bestätigte dies nur die Kritik an dem Nachrichtendienst Google: Wenn schon eigene Ideen wenig gegen die Wettbewerber wie speziell das soziale Netzwerk Facebook helfen, dann könnte das ja vielleicht der rund 30 Milliarden Euro teure Kurznachrichtendienst. Und mit Bargeldreserven von 60 Milliarden Euro wäre der Kauf sofort finanziert - nur wenige Konzerne wie beispielsweise Apple können das. "Google mächtig jetzt, aber nicht für immer" unkt bereits die "New York Times".

Denn tatsächlich sind die meisten Google-Innovationen der vergangenen Jahre weitgehend gescheitert - sei es die digitale Funkbrille Google Glass, sei es die Facebook-Konkurrenz Google Plus, sei es der Verkauf eigener Smartphones und Tablet-Computer unter dem Namen Nexus. Und während Apple, der Online-Versand Amazon und erst recht Facebook die Kunden mit zunehmend neuen Angeboten immer stärker an sich binden, bleibt Google überwiegend auf die Laufkundschaft angewiesen. Dabei drängen die Wettbewerber wie speziell Facebook in früher von Google beherrschte Felder vor: So attackiert Facebook sehr erfolgreich den Google-Ableger Youtube beim Geschäft mit Videos - die mehr als eine Milliarde Nutzer von Facebook zeigen sich die Filmchen immer häufiger direkt, anstatt sich Links, die zu Youtube führen, zuzusenden.

Ebenso dramatisch ist der Angriff auf Google als Suchmaschine. So macht Apples Sprachsteuerung Siri auf dem iPhone oder iPad Google als Recherchewerkzeug häufig unnötig. Und bei Facebook landet in den USA mit täglich einer Milliarde Suchanfragen bereits ein Drittel der Suchanfragen, die Google als Mutter aller Suchmaschinen für sich verbucht.

Am Ende zeigt sich, dass speziell Facebook als sogenanntes Ökosystem zunehmend gegen Google auftrumpft. Nachdem Vorstandschef Mark Zuckerberg den Kurznachrichtendienst Whats App zunehmend als Konkurrenz ansah, wagte er vor einem Jahr für 17 Milliarden Euro per Aktientausch einfach die Übernahme - jetzt machen immer wieder Gerüchte über eine Integration von Facebook und WhatsApp die Runde.

Instagram profiliert sich als Bild-Austauschdienst rund um den Globus mit 300 Millionen monatlichen Nutzern - hier schlug Mark Zuckerberg bereits 2012 für fast eine Milliarde Dollar zu. Und nachdem Google sich mit der eigenen Datenbrille blamierte, erwarb Facebook vor wenigen Monaten für 1,8 Milliarden Euro Oculus als Spezialfirma für Virtual-Reality-Brillen - in der abgeschotteten Facebook-Welt kann so Gaming in 3D in Mode kommen.

Dies alles bedeutet natürlich keineswegs, dass Google mit seinen Möglichkeiten am Ende ist. Der Börsenwert von 310 Milliarden Euro liegt fast doppelt so hoch wie der von Facebook oder auch von Amazon - die Anleger sind sich also sicher, dass der Jahresgewinn von zuletzt 13,3 Milliarden Euro (2014) noch lange verteidigt werden kann. Außerdem ist der von seinen Gründern Larry Page und Sergey Brin kontrollierte Konzern weiterhin in der Lage, sich stärker als wohl jedes andere Unternehmen auf Zukunftsprojekte zu stürzen.

Google arbeitet mit Prototypen am selbstfahrenden Elektroauto - so ganz locker stecken das BMW, VW und Co nicht weg, obwohl niemand weiß, ob Google jemals Geld mit Autos verdient.

Mit Deep Mind versucht Google die Struktur des Gehirns nachzubauen - Vorstandschef Larry Page sagt: "Es gibt kaum Konkurrenz beim Erforschen technologischer Grenzen, weil niemand so verrückt ist, es zu versuchen."

Bei zwei Themen stellt sich Facebook klar gegen Google auf: Google plant Internetdienste über Ballons in der Stratosphäre auszustrahlen - Zuckerberg setzt auf Drohnen, um die Menschheit in seinen digitalen Bann zu ziehen.

Das Brot- und Buttergeschäft von Google ist der Verkauf von Werbebannern auf der eigenen Suchmaschine oder bei Partnern je nach Interessen der Nutzer. Genau das Gleiche macht Facebook, weiß aber viel mehr als Google über die Menschen. "Der wirkliche Krieg findet im Geheimen zwischen Facebook und Google statt", erklärte der New Yorker Professor Scott Galloway kürzlich bei einem Vortrag in München. "Es geht um persönliche Kontakte. Facebook kann auf seiner Plattform und anderswo auf den Nutzer zugeschnittene Werbeanzeigen ausliefern. Das ist ein lukratives Geschäft."

1,4 Milliarden Nutzer hat Facebook, Google Plus soll nur rund 300 Millionen Nutzer haben, 290 Millionen weitere Nutzer könnte nun Twitter beisteuern - es spricht also viel dafür, dass Google bei Twitter zuschlägt. Dem stimmt auch der Finanzmanager Dan Niles zu: "Google ist dabei, in der Kategorie soziale Netzwerke unter die Räder zu kommen. Wer nutzt Google Plus? Das Netzwerk ist so gut wie tot. Wenn Google sein Wachstum wiederbeleben möchte, ist es sinnvoll, sich Twitter anzuschauen."

Quelle: RP
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