Viele Rätsel um Attentat offen: "Was uns bevorsteht, ist eine Farce"
zuletzt aktualisiert: 02.05.2000 - 14:17Camp Zeist/Niederlande (AP). John Patrick Flynn hat gerade ein Auslandssemester hinter sich, als er am 21. Dezember 1988 auf dem Londoner Flughafen Heathrow an Bord einer Maschine nach New York geht, um mit seiner Familie Weihnachten zu feiern. Keine 40 Minuten später ist der Student tot - wie 258 weitere Insassen und elf Einwohner der schottischen Ortschaft Lockerbie.
Mehr als elf Jahre nach einem der schwersten Terroranschläge der Geschichte soll am Mittwoch der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter beginnen. Der Verhandlung ging ein jahrelanges politisches Tauziehen voraus, und längst sind nicht alle Rätsel um den Anschlag gelöst.
Kurz bevor der Pilot des Pan-Am-Jet auf die Irische See abdrehen wollte, zerfetzte eine in einem brauen Koffer versteckte Bombe den Rumpf der Maschine. Innerhalb von Sekunden ergoss sich eine blutige Masse aus Leichenteilen, Koffern und Trümmern über die Straßen von Lockerbie. Ermittler sammelten auf mehr als 2.000 Quadratkilometern Beweismaterial ein. In einem südschottischen Wald stießen sie auf ein winziges Bruchstück des Zeitzünders, der sie auf die Spur der Libyer führte.
Am 14. November 1991 klagten die USA und Großbritannien die beiden libyschen Geheimdienstagenten Abdel Basset Ali el Megrahi und Lamen Khalifa Fhimah wegen Mordes und Verschwörung an. Jahrelang verweigerte der libyische Staatschef Muammar el Gaddafi ihre Auslieferung, woraufhin die Vereinten Nationen Sanktionen gegen das nordafrikanische Land verhängt. Erst 1998 einigten sich die Beteiligten auf einen Prozess in den Niederlanden nach schottischem Recht. Im April 1999 wurden el Megrahi und Fhimah nach Amsterdam ausgeliefert, und die Sanktionen wurden aufgehoben.
Wie gelangte die Bombe durch die Gepäckkontrollen?
Doch täuscht der mühsam errungene Kompromiss kaum darüber hinweg, dass im Zusammenhang mit dem Anschlag noch zahllose Fragen offen sind. So ist unklar, wie der braune Koffer offenbar problemlos durch mehrere Gepäckkontrollen gelangen konnte: Nach Erkenntnissen der Ermittler wurde er auf Malta aufgeben, in einer Maschine nach Frankfurt transportiert und dort in ein Flugzeug nach London umgeladen. In Heathrow passierte er zum zweiten Mal die Kontrolle und landete in der Maschine nach New York.
Zweifel bestehen auch daran, ob die beiden Libyer tatsächlich alleine für den Anschlag verantwortlich sein können. Noch während der Ermittlungen war eine Beteiligung Irans oder einer palästinensisch-syrischen Terrorgruppe vermutet worden. Einigen Beobachtern erscheint dies auch heute noch plausibler als der Verdacht gegen el Megrahi und Fhimah: Schließlich schwor Teheran nach dem Abschuss eines iranischen Jets durch ein US-Kriegsschiff 1988 im Golf wiederholt Rache. Bei dem Absturz der Maschine waren 290 Menschen ums Leben gekommen.
Nach allem Wirrwarr haben die Eltern von John Patrick Flynn kaum noch Vertrauen in den bevorstehenden Prozess in Camp Zeist. "Wir sind hinter den wahren Verantwortlichen her", sagte Flynns Mutter Kathleen am Dienstag bei ihrer Ankunft auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. "Wir hoffen, dass sich die Wahrheit durchsetzt." Zweifel an der Schuld el Megrahis und Fhimahs äußerte auch Susan Cohen aus dem US-Staat New Jersey, deren 20 Jahre alte Tocher Theodora bei dem Anschlag getötet wurde. Sie mutmaßt, dass Gaddafi die Männer im Rahmen eines geheimen Abkommens auslieferte, um selbst nicht wegen Beihilfe zum Terrorismus zur Verantwortung gezogen zu werden. "Diese beiden sind nur ein Pfand", sagte Cohen. "Was uns bevorsteht, ist eine Farce."
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