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London
Was von Thatchers Revolution bleibt

London. Heute wird die Eiserne Lady zu Grabe getragen. Thatcher-Anhänger sehen ihr Erbe bei Premierminister Cameron nicht in guten Händen. Von Alexei Makartsev

Der amtierende konservative Premierminister David Cameron nennt sich einen "Thatcher-Fan". Tatsächlich weicht der Kurs des 46-Jährigen erheblich von dem seines Vorbildes ab. Margaret Thatcher war eine harte Überzeugungspolitikerin mit einem starken ideologischen Gerüst. Cameron dagegen versteht sich als ein "mitfühlender Konservativer" und Pragmatiker, der in den acht Jahren an der Tory-Spitze seine Truppe vom Ballast der überholten Leitbilder befreit und in die politische Mitte gerückt hat.

Das gefällt jedoch nicht allen Parteimitgliedern, die dem Chef der Koalition mit den Liberaldemokraten einen Verrat an den konservativen Idealen von Thatchers Revolution vorwerfen. Thatcher hatte Ende der 80er Jahre eine dauerhafte Polarisierung bei den Torys in Gang gesetzt, die Cameron das Leben schwermacht.

Auf nahezu jedem Parteitag versammelt die nach einer Grundsatzrede Thatchers in Brügge benannte "Bruges Group" die Unzufriedenen unter ihrer Fahne. Sie träumen von einer neuen Führung und einer "splendid isolation". Thatchers Außenpolitik war einerseits vom starken Transatlantismus und andererseits von einer Ablehnung der tiefen europäischen Integration geprägt.

Die Eiserne Lady hat ihre Freundschaft mit Ronald Reagan gepflegt. Auch für Cameron hat der enge Kontakt zu seinem "besonderen Partner" Barack Obama höchste Priorität. Gegenüber der EU ist er wie einst Thatcher dazu bereit, um jeden Preis die Ausnahmeregelungen für die Briten zu verteidigen.

Als Cameron im Januar seinen Landsleuten ein EU-Referendum versprach, erschien der "Independent" mit dem Titel "Handbagged!" ("Mit Handtasche geschlagen"). Es war eine Anspielung auf die bisweilen rabiate Art, wie Thatcher in den 80ern mit ihren europäischen Partnern umgegangen ist.

Auch in der Innen- und Sozialpolitik bleibt Thatchers Geist spürbar. Sie ging in die Geschichte als eine Reformerin ein, die den schwächelnden "britischen Patienten" durch Privatisierung, Deregulierung und Verschlankung des Staates fit gemacht hat. Dafür bezahlte das Königreich mit einem sozialen Kahlschlag, der unvergessen ist. Die heutige Regierung kopiert in abgeschwächter Form Thatchers Rezept. Die Privatisierungs- und Sparpolitik hat ähnliche Nebenwirkungen wie der frühere Thatcherismus. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, die strukturschwachen Regionen im englischen Norden werden von sozialen Problemen geplagt, und die Gewerkschaften drohen wieder mit Massenstreiks.

Die britische Gesellschaft hat sich seit der Thatcher-Ära gewandelt. Das Land ist multikultureller, toleranter und liberaler geworden. Thatcher lehnte den Feminismus ab, heute geben erfolgreiche Frauen in allen Ecken des Königreichs den Ton an. Cameron will die Homo-Ehe einführen, London gestattet den Schotten ein Unabhängigkeitsreferendum, in der Regierung sitzen Muslime mit Christen an einem Tisch, und ein schwarzer Unternehmer wird bei den Tories als möglicher zukünftiger Parteichef umworben – all das war zu Thatchers Zeiten noch undenkbar.

Werden die Briten noch in 100 Jahren von der Eisernen Lady reden? Ja, aber anders, glaubt der Historiker Dominik Sandbrook: "Sie wird uns wegen ihres Geschlechts in Erinnerung bleiben. Thatcher war nicht aus Eisen, aber sie war eine Frau – das macht sie weiter interessant".

(RP/gre)
 
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