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Bagdad
Was will Erdogan in Mossul?

Bagdad. Die Türkei würde sich gerne militärisch bei der Befreiung der irakischen Millionenstadt vom IS beteiligen. Mit Hintergedanken. Von Gerd Höhler

Irakische Truppen und kurdische Peschmerga haben gestern ihren Vormarsch auf das von der IS-Terrormiliz gehaltene Mossul fortgesetzt. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan würde sich mit eigenen Truppen gern militärisch an der Befreiung der nordirakischen Millionenstadt beteiligen - aber man lässt ihn nicht. Der irakische Regierungschef Haider al Abadi lehnt ab: "Wir danken den Türken, aber das werden die Iraker selbst in die Hand nehmen", sagte al Adabi am Samstag nach einem Gespräch mit US-Verteidigungsminister Ash Carter in Bagdad. Carter hatte versucht, in der seit Wochen andauernden Kontroverse um die türkische Beteiligung an der Mossul-Offensive zu vermitteln, konnte den Streit aber offensichtlich nicht schlichten. Wenn man Hilfe brauche, werde man es die Türkei wissen lassen, teilte al Abadi kühl mit.

Was will Erdogan in Mossul? Die Türkei müsse mit am Tisch sitzen, wenn nach einer Vertreibung des IS über die Zukunft der Stadt entschieden wird, so Erdogan. In Ankara fürchtet man nicht nur, dass die PKK, die ihr Hauptquartier in den Kandil-Bergen des Nordirak hat, in Mossul an Einfluss gewinnen könnte. Vor allem will Erdogan verhindern, dass die Stadt unter die Kontrolle der vom Iran unterstützten schiitischen Milizen gerät. In Mossul dürften nach der Befreiung nur sunnitische Araber, Turkmenen und sunnitische Kurden leben, fordert Erdogan. Die christlichen Minderheiten, die vor dem IS aus der Region flohen, erwähnte Erdogan übrigens nicht.

Die Türkei ist schon seit 1992 im Nordirak militärisch präsent, um die PKK in Schach zu halten. Ende 2015 verstärkte Ankara diese Truppen mit hunderten weiteren Soldaten und zwei Dutzend Kampfpanzern - in Absprache mit dem irakischen Kurdenführer Massud Barsani. Ob auch mit Billigung Bagdads, ist strittig. Heute bezeichnet die irakische Zentralregierung jedenfalls die türkischen Truppen als "Besatzer" und fordert ihren Rückzug. Auf dem Militärstützpunkt von Baschika bei Mossul trainierten die türkischen Soldaten in den vergangenen Monaten sunnitische Milizen. Jetzt sollen sie, so will es Erdogan, selbst in Mossul einmarschieren.

Dabei geht es dem türkischen Präsidenten möglicherweise um mehr als die demografischen Strukturen. Die Provinz Mossul gehörte zum Osmanischen Reich, bis sie im Ersten Weltkrieg von den Briten besetzt und 1926 dem Irak zugeschlagen wurde. Jetzt meldet Erdogan indirekt Gebietsansprüche an: Man solle nur "den Misak-i Milli lesen, dann wird man verstehen, welche Bedeutung Mossul für uns hat", so der Präsident.

Der Misak-i Milli, der "Nationalpakt", war das Manifest der türkischen Unabhängigkeitsbewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Danach gehören die Region Mossul, wie auch das im Vertrag von Lausanne Griechenland zugeschlagene West-Thrakien und die syrische Provinz Aleppo zur Türkei.

Erdogan bezeichnet die damals vorgenommen Grenzziehungen als "unfair" und als "Niederlage" für die Türkei. Die Türkei dürfe "Aleppo nicht den Rücken kehren" oder ihre "Landsleute in West-Thrakien, Zypern, auf der Krim und andernorts im Stich lassen", mahnt der Präsident. Am Samstag sagte Erdogan in einer Rede im westtürkischen Bursa, man könne die nach dem Ersten Weltkrieg gezogenen Grenzen der modernen Türkei "nicht leichten Herzens akzeptieren", wenn man an "den Irak oder Bosnien" denke, denn "diese Geografie ist Teil unseres Lebens".

Bleibt es bei neo-imperialer Rhetorik oder plant Erdogan, die Grenzen der Türkei auszuweiten? Darauf könnte seine Ankündigung hindeuten, wenn der Irak den Türken eine Beteiligung an der Offensive gegen den IS in Mossul verweigere, habe man in Ankara "einen Plan B und einen Plan C". In Nordsyrien hat Erdogan mit dem Einmarsch türkischer Truppen jedenfalls schon Fakten geschaffen. Dort richtet sich die Türkei offenbar auf eine dauerhafte Präsenz ein - in Form einer geplanten 5000 Quadratkilometer großen "terrorfreien Sicherheitszone", wie Erdogan am Samstag in Bursa bekräftigte.

Quelle: RP
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