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Berlin
Wenn der Glaube mitregiert

Berlin. Wie die Bundeskanzlerin, die Bundestagsparteien und die beiden großen Kirchen zu Weihnachten die christlichen Werte als grundsätzliche Orientierung für die Ausrichtung aktueller Entscheidungen begreifen. Von Gregor Mayntz

"Frohe Weihnachten", "schöne Festtage" oder auch ganz neutral "jahreszeitliche Grüße" heißt es in den Kartenwünschen, die in diesen Tagen im Regierungsviertel kursieren. Doch es halten sich auch christliche Verankerungen, wie der "gesegnete" oder der "gnadenbringende" Weihnachtswunsch. Die Hoffnung auf eine "besinnliche" Zeit führt zu der Frage: Gibt es im 21. Jahrhundert noch das Christliche in der Politik? Und welchen Stellenwert nimmt es ein?

Zwei Wochen nach dem CDU-Parteitag scheint die Antwort leichtzufallen. In Karlsruhe fiel ins Auge, wie die Kanzlerin Angela Merkel als CDU-Chefin die innerste Motivation für den Willkommensansatz ihrer Flüchtlingspolitik unmittelbar im christlichen "Gründungsimpuls" der CDU verankerte. Der Kompass liege danach "also in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen", so Merkel, was in der praktischen Umsetzung bedeute, dass "heutzutage keine Menschenmassen kommen, sondern dass einzelne Menschen zu uns kommen".

Ist Merkel also eine christliche Kanzlerin, die christliche Politik macht? Volker Resing, Chefredakteur der katholisch-ökumenischen Herder-Korrespondenz, hat "Die Protestantin" im Kanzleramt portraitiert. Nach seiner Einschätzung lehnt Merkel eine solche Charakterisierung ab. Am Anfang sei als Pfarrerstochter in der DDR ihr Glaube gegen ihren Willen öffentlich gewesen. Deshalb habe sie ihn nach dem Fall der Mauer nur zu gerne als Privatsache behandelt. Danach sei dann doch immer mehr davon zum Vorschein gekommen. Etwa nach dem Attentat von Winnenden 2009, als sie den Worten von Trauer und Mitgefühl den Satz hinzufügte: "Wir beten für die Opfer."

Wiederholt betonte sie, dass der christliche Glaube die Macht relativiere: "Vor Gott bin ich Mensch, nicht Bundeskanzlerin." Dieser Mensch Merkel predigte 2014 in der Maria-Magdalenen-Kirche in Templin, also dort, wo sie zur Christenlehre ging, über die Freiheit der Christenmenschen: "Gott wollte keine Marionetten, keine Roboter, keine Menschen, die einfach tun, was sie gesagt bekommen." Deshalb sehe die Kanzlerin, so Resing, nicht erst seit dem Parteitag wesentliche Entscheidungen unter dem Aspekt christlicher Verantwortung.

Einen klaren Unterschied macht dabei der Religionsbeauftragte der Unionsfraktion, Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung: "Es gibt keine christliche Politik, aber es gibt Christen in politischer Verantwortung." Aus der Bibel lasse sich kein politisches Programm ableiten, aber der Glaube könne eine ethische Grundlage bilden. Die Rückbesinnung auf die im christlichen Menschenbild wurzelnde Grundüberzeugung helfe, die Verantwortung als Gesetzgeber zu tragen.

Für die SPD-Kirchenbeauftragte Kerstin Griese passt die Weihnachtsbotschaft noch nie so gut wie in diesem Jahr zu den politischen Herausforderungen. "Millionen Menschen sind vor Krieg und Not geflohen und bitten uns darum, ihnen eine gute Herberge zu gewähren." Ganz konkret zeigt sich auch für Christine Buchholz von den Linken das Christliche in der Politik: "Es begegnet mir in einer Frankfurter Kirche, die spontan ihre Türen für Flüchtlinge öffnet, es begegnet mir bei denen, die in meinem Wahlkreisbüro Hartz-IV-Empfänger beraten und unterstützen, und es begegnet mir bei denen, die sich nach den Anschlägen von Paris gegen eine Beteiligung am Bombenkrieg ausgesprochen haben und vor einer Spirale der Gewalt warnen."

Für Volker Beck von den Grünen ist es die Aufgabe christlicher Politiker, religiös begründete Werte ethisch zu übersetzen. Eine Politik "in Verantwortung vor Gott und den Menschen", wie die Präambel des Grundgesetzes festlegt, heißt für Beck: "Das Leben des Menschen darf nicht Objekt der Verfügungsgewalt anderer werden."

Und wo sehen die Kirchen das Christliche in der Politik? Berlins Erzbischof Heiner Koch entdeckt es "überall da, wo die Politik den Menschen zum Maßstab nimmt, nicht in seiner Nützlichkeit, sondern in seiner unveräußerlichen Würde". Koch konkret: "Dann haben wir auch kein ,Flüchtlingsproblem', sondern Menschen, die in ihrer Not bei uns Zuflucht suchen." Ähnlich formuliert es der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Nicht an einzelnen tagespolitischen Entscheidungen lasse sich das Christliche ablesen, sondern an einer "christlich gegründeten Orientierung". Da gehe es dann etwa um eine humanitäre Flüchtlingspolitik, um die soziale Gerechtigkeit, um die Verantwortung gegenüber der Natur als Gottes Schöpfung. Seine Ansage: "Wenn es um ethische Tiefendimensionen geht, wird sich die Kirche jenseits jeglicher Parteipolitik auch zukünftig immer wieder zu politischen Fragen äußern."

Quelle: RP
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