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Moskau
Wenn Kriegsgedenken missbraucht wird

Moskau. Russland nutzt den 71. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland für geschmacklose Propaganda. Von Klaus-Helge Donath

Je länger der Sieg der Roten Armee über Hitlerdeutschland zurückliegt, desto begeisterter und inbrünstiger begeht Russland den Gedenktag. Heute jährt sich der Sieg zum 71. Mal - seit den 60er Jahren ist der 9. Mai Russlands wichtigster Feiertag. Wochen vorher schon arbeitet die Gedenkmaschinerie auf Hochtouren.

Schon Kinder werden zu Opferbereitschaft angehalten. In einem professionellen Videoclip, der in den sozialen Netzen die Runde macht,tritt ein Junge in Uniform wie eine Erscheinung aus dem 2. Weltkrieg auf. Er trifft auf eine heutige Schulklasse und erzählt von seinen Kriegserinnerungen vor dem Tod. Die Schüler sind überrascht: "Hast Du denn keine Angst vor dem Tod?" Seine Antwort: "Ach was, warum soll ich den Tod fürchten, wenn der Sieg doch unser ist". Nichts anderes zähle.

Todesverachtung läuft in Russland unter patriotischer Erziehung. Große Gesten statt Gräuel getrennter Gliedmaßen. Niemand weiß heute mehr, dass die Kriegskrüppel nach 1945 in die Unwirtlichkeit des russischen Nordens verbannt wurden. Erinnerung sollte getilgt werden.

Junge Eltern können stattdessen für Neugeborene von null bis acht Monaten den "Strampelanzug Sieg" erwerben. Es gibt ihn in Khaki-Farben mit "echten Armeeknöpfen". Auch ein Schiffchen mit rotem Stern als Kopfbedeckung ist für die Kleinsten schon zu haben. Passend dazu sind Kinderwagen im Retrostil der 40er Jahre. Die Schaufenster der Geschäfte gleichen in diesen Tagen Militaria-Händlern. Der Krieg ist überall. Als Sieg der Russen über den Rest der Menschheit. Nicht nur die Westmächte tauchen in der offiziellen Darstellung nicht auf, auch die Rolle der anderen Völker der Sowjetunion fällt nicht ins Gewicht.

Auf allen Ebenen wird mobil gemacht. Verteidigungsminister Sergej Schoigu kündigte an, die 10. Panzergarde-Division "Kiew-Berlin" wiedererstehen zu lassen. Rund um die Uhr donnern an den Feiertagen die Kanonen im Fernsehen. Westliche Beobachter können nur schwer nachvollziehen, mit welcher Verve sich Russlands politische Führung gegen andere Sichtweisen wehrt, diese sogar strafrechtlich ahnden lässt und ausländische Historiker zu Extremisten erklärt.

Bis Mitte der 60er Jahre hingegen hatte die UdSSR den 9. Mai gar nicht gefeiert. Erst unter dem Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, wandelte sich das Gedenken in einen Kult. Viele Soldaten, die den Krieg aus eigener Anschauung kannten, waren da schon gestorben - was die Überhöhungen erleichterte. Der damalige Triumph kommt dem gegenwärtige Regime gerade recht.

Quelle: RP
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