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Analyse
Wenn Opfer den Tätern begegnen

Düsseldorf. Nach Gewalttaten finden Opfer wie Täter oft keine innere Ruhe. Das kann sich ändern, wenn sie einander noch einmal begegnen. Es gibt Vereine, die das ermöglichen. Ein Kinofilm zeigt jetzt die Chancen des Täter-Opfer-Ausgleichs. Von Dorothee Krings

Ein Streit unter Jugendlichen in der New Yorker Bronx: Lisas Bruder ist ein kräftiger Typ, ein Boxer, kein Duckmäuser. Doch diesmal ist er an einen geraten, der keine Kränkungen mehr schlucken will, an einen Zornigen - mit Waffe. In einem Supermarkt treffen die Rivalen wieder aufeinander. Ein Schuss. Lisas Bruder liegt am Boden. Er wurde 16 Jahre alt. Elf Jahre ist der Mord nun her, der Täter wird in einem Indizienprozess zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt, gestanden hat er nie. Und so kann Lisa keine Ruhe finden. "Du willst vergeben, aus tiefstem Herzen willst du es", sagt sie unter Tränen, "aber wäre das nicht Verrat an meinem Bruder, würde ich damit nicht sagen, dass die Sache jetzt vergessen ist? Es ist so schwer zu vergeben, es auszusprechen, das ist so hart."

Gewalttaten sind immer nur der Anfang. Die Angehörigen der Opfer müssen mit der Erfahrung von Verlust und Ohnmacht leben. Die Täter ringen oft mit Schuld und Scham, schwanken zwischen Verdrängung und der Sehnsucht nach Vergebung. Frieden finden beide nicht. Meist ringen sie über Jahre mit widerstreitenden Gefühlen, mit Angst und Hass, mit dem Willen zur Vergebung und dem Bedürfnis nach Vergeltung. Doch lösen können sich diese inneren Konflikte nur, wenn das Unvorstellbare geschieht: Wenn Opfer und Täter einander wieder begegnen.

In Deutschland gibt es Vereine, die das ermöglichen. Die Waage in Köln zum Beispiel, die älteste Initiative zum Täter-Opfer-Ausgleich in NRW. 1986 wurde sie gegründet. Dort bereiten Mediatoren in 790 Fällen pro Jahr erwachsene Opfer und Täter in Einzelgesprächen auf eine Begegnung vor. Unter Jugendlichen sind es noch einmal 462 Fälle. Voraussetzung ist, dass die Täter ihre Schuld anerkennen und den Willen zeigen, das auszusprechen. "In Strafprozessen spielen die Bedürfnisse der Opfer oft nur eine geringe Rolle", sagt Norbert Florin, Jurist und Geschäftsführer der Waage. Darum sei es sinnvoll, außergerichtlich einen Raum zu schaffen, in dem Täter und Opfer ihre Sicht des Geschehenen darstellen und sich aussprechen können. "Unser Ziel ist die Wiederherstellung des sozialen Friedens." Wenn die Begegnung gelingt, gibt es am Ende nicht nur eine Wiedergutmachungs-Vereinbarung. "Wir erleben immer eine enorme Erleichterung - bei allen Beteiligten", betont Florin.

Es ist der Perspektivwechsel, der diese Erleichterung verschaffen kann. Opfer fühlen sich durch das Schuldeingeständnis ihres Gegenübers ernst genommen und können durch Einblick in den Tathintergrund eigene Ängste überwinden. Die Täter sind dann keine Monster mehr, sondern Menschen mit einer Geschichte, die in einer Straftat mündete.

Das sieht auch der Opferverband Weißer Ring so und hält den Täter-Opfer-Ausgleich für ein Instrument, das viel häufiger angewendet werden sollte. Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer hält aber gesetzliche Regeln und Qualitätsstandards für überfällig. So sollte etwa die Geständigkeit des Täters zur zwingenden Voraussetzung für das Verfahren erklärt werden. Den Täter zwingt die Begegnung mit dem Opfer, sich über das Geständnis hinaus die konkrete Wirkung seines Handelns klarzumachen. Und er kann seine Scham ausdrücken, sich durch eine Entschuldigung Erleichterung verschaffen.

Auf die heilende Kraft der Begegnung setzt eine Initiative in den USA sogar nach Kapitalverbrechen. In einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin gibt es zweimal im Jahr einen Gesprächskreis, bei dem Schwerverbrecher, Gewaltopfer und Angehörige reihum sprechen und einander zuhören. Auch Lisa aus New York hat an diesem Gesprächskreis teilgenommen, um etwas von der Wut loszuwerden, die sie innerlich vergiftet, weil der Mörder ihres Bruders keine Reue zeigt. In seinem Dokumentarfilm "Beyond Punishment", der gerade ins Kino gekommen ist, beobachtet der deutsche Filmemacher Hubertus Siegert, welche Emotionen in diesem Kreis aufkommen. Allerdings setzt der amerikanische Staat in langer Tradition vor allem auf Abschreckung und Vergeltung, darum sitzen Gewaltverbrecher in den USA länger im Gefängnis als an vielen anderen Orten dieser Welt. Folglich sind die Gefängnisse überfüllt, und die Unterbringung ist so teuer, dass für Resozialisierungsmaßnahmen kaum Geld übrig bleibt.

In Norwegen geht man darum einen anderen Weg, auch das zeigt Siegert in seiner bemerkenswerten Dokumentation. Dort werden traditionell kurze Haftstrafen verhängt, das Geld nach Möglichkeit nicht für den Strafvollzug ausgegeben, sondern in ein komplexes Resozialisierungssystem investiert. Darum wird der junge Stiva schon nach kurzer Zeit auf Urlaub zu seinen Eltern entlassen, obwohl er einen Menschen getötet hat. Aus Eifersucht erschoss er seine Freundin. Auch sie wurde nur 16 Jahre alt. Für den Vater der ermordeten Ingrid-Elisabeth ist das schwer zu ertragen. Im Film erzählt Erik, wie er in einen anderen Ort zog, um dem Mörder seiner Tochter nicht begegnen zu müssen, und wie die diffuse Angst vor ihm trotzdem sein Familienleben ruinierte. Stiva schickt eine Videobotschaft an Erik, versucht ihm zu sagen, wie tief seine Reue ist. "Wie könnte ich Entschuldigung sagen, das Wort ist viel zu klein, es drückt nicht aus, was ich empfinde." Selbst im Kino ist es schwer, dem intensiven Blick des jungen Mannes standzuhalten. Erik ist nicht so weit. Noch fühlt sich eine Begegnung mit dem Täter auch für ihn an wie Verrat. Noch kann Erik die Rolle nicht verlassen, in die Stivas schreckliche Tat ihn gedrängt hat. Doch es gibt Risse in den Fronten, selbst durch den Austausch über Video.

Siegert hat seinem Film ein Zitat vorangesetzt. Es ist die Lehre seiner Recherche: "Freiheit ist das, was du aus dem machst, was dir angetan wurde." Sein Film handelt von der Kraft, die es kostet, ein freier Mensch zu sein.

Quelle: RP
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