| 16.24 Uhr

Western Union
Bargeld-Service für Flüchtlinge

Western Union: Bargeld-Service für Flüchtlinge
Western-Union-Leuchtreklame in London. FOTO: Jonathan Nicholson
Düsseldorf. Western Union verschickt Bargeld rund um den Globus. Viele Kunden sind Migranten, aber auch Terroristen sollen das Angebot nutzen. Von Philipp Jacobs

Es ist ein dichtgewebtes Finanznetz, das der amerikanische Konzern über den Erdball gespannt hat. 550.000 Standorte in 200 Ländern. Western Union ist nahezu überall. "Moving money for better" ist der Leitspruch des Unternehmens, frei übersetzt: "Geld verschicken für eine bessere Welt".

Es ist jene bessere Welt, die sich viele Flüchtlinge wünschen und für die sie eine lange, beschwerliche und zumeist gefährliche Reise auf sich nehmen. Western Union hilft ihnen. Denn das Unternehmen stellt Geldtransfers ohne Bankkonto zur Verfügung. Und das auch in den einsamsten Ecken.

Entlang der Balkan-Route gibt es rund 26.000 Zweigstellen, oft eingenistet in Kiosken oder anderen Banken. Klassische Filialen gibt es kaum, das Geschäft muss schnell gehen. Für eine Transaktion wird lediglich ein gültiger Pass benötigt.

Ein derzeit gängiges Szenario geht so: Ein syrischer Flüchtling beginnt seine Reise in der Türkei. Allein dort verfügt Western Union über 10.400 Vertriebsstandorte. Der Flüchtling bezahlt Schleuser, die ihm die Überfahrt nach Griechenland ermöglichen. Viel Bargeld trägt er nicht bei sich. Die Gefahr ist zu groß, dass er während der Reise ausgeraubt wird und die Flucht abbrechen muss. Wird das Bargeld knapp, gibt der Rest der Familie, der in Syrien oder den Nachbarländern zurückbleibt, einen Zuschuss über Western Union. In der syrischen Niederlassung erhält der Einzahler eine zehnstellige Nummer. Mit ihr ist es dem Empfänger möglich, in jeder Niederlassung auf dem Planeten das Bargeld abzuheben. Er muss nur einen gültigen Pass vorzeigen - die Identität wird nicht weiter geprüft. Das meiste Geld verdient das Unternehmen jedoch an den Migranten, die es geschafft haben, die etwa in Deutschland ein neues Leben mit einer festen Stelle begonnen haben und nun mit kleinen Summen ihre Liebsten in der alten Heimat unterstützen.

"Migranten sind stille Helden"

Zum "Tag der Migration" am 18. Dezember 2014 beschrieb Western Union die Migranten als "stille Helden". Selbst den Lebenslauf ihres Vorsitzenden hätte sich die PR-Abteilung nicht besser ausdenken können: Hikmet Ersek führt seit 2010 die Geschäfte des Konzerns. Ersek wurde in Istanbul geboren. Sein Vater: Türke. Seine Mutter: Österreicherin. Beide trafen sich in Paris, verliebten sich und zogen nach Istanbul. Mit 19 ging Ersek nach Wien und studierte an der Wirtschaftsuniversität. Er spricht Englisch, Deutsch und Türkisch. Seine Frau hat indische Vorfahren.

Bis zum Ende des dritten Quartals 2015 hatte der Konzern weltweit 194 Millionen Transaktionen zwischen Privatpersonen durchgeführt. Im gesamten Jahr 2014 lag die Summe der transferierten Geldwerte bei umgerechnet 77 Milliarden Euro. Im Durchschnitt kosten Überweisungen bei Western Union 5,2 Prozent des Überweisungswertes. In armen Staaten kann der Prozentsatz jedoch leicht zweistellig werden. Es gibt entlegene Regionen, in denen einzig Western Union das Angebot bereitstellt, Geld zu überweisen. Heute ist das Unternehmen Marktführer beim Bargeldtransfer. Und das, obwohl es mit seiner 164-jährigen Geschichte erst in den 1980er Jahren das Geschäft mit Geldtransfers intensivierte.

1851 gegründet, widmete sich Western Union zunächst einem anderen Gebiet: der Telegrafie. Zu Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs 1861 präsentierte man die erste transkontinentale Telegrafenlinie. Fortan versorgte Western Union Bundesstaaten und die New Yorker Aktienbörse mit Nachrichten von der Front. 1869 führte das Unternehmen den ersten Börsenfernschreiber ein. Als das Telefon den Telegrafen ersetzte, entwickelte sich Western Union zum Telekommunikationsexperten. Es sollte noch gut 100 Jahre dauern, bis die Bargeldüberweisung zum Hauptgeschäft wurde.

"Wir wollen das schmutzige Geld nicht"

Das Business, das Western Union zum "Global Player" machte, brachte das Unternehmen aber auch in zwiespältige Gesellschaft. Im Zuge der Anschläge vom 11. September 2001 nutzte etwa ein Al-Qaida-Fürst verschiedene Decknamen, um mehr als 20.000 US-Dollar an Mitglieder der Terrororganisation in den USA zu überweisen. Italienische Ermittler fanden heraus, dass militante Gruppen im Irak Western Union für Überweisungen in die Türkei, Griechenland oder nach Singapur nutzten. Andrea Di Nicola und Giampaolo Musumeci berichten in ihrem viel beachteten Buch "Bekenntnisse eines Menschenhändlers" von Schiffskapitänen, die Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland fahren und anschließend von ihren Hintermännern über Western Union bezahlt werden.

Joseph Cachey, zwischen 1998 und 2013 unter anderem Compliance-Beauftragter bei Western Union, sagte einmal in einem Interview mit dem "Wall Street Journal": "Wir wollen das schmutzige Geld nicht, und wir brauchen es auch nicht, um Geld zu machen." Heute lehrt Cachey als Yoga-Meister unter dem Namen "YogiJoe".

Über seine Pressestelle lässt Western Union mitteilen: "Wir verurteilen vehement alle Aktivitäten, die illegale Migration erleichtern, vor allem die Ausbeutung einzelner Menschen und ganzer Familien." Moving money for better.

Liebe Leserinnen und Leser,
Ihre Meinung zu RP Online ist uns wichtig. Anders als sonst bei uns üblich gibt es allerdings an dieser Stelle keine Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. Zu unserer Berichterstattung über die Flüchtlingskrise haben wir zuletzt derart viele beleidigende und zum Teil aggressive Einsendungen bekommen, dass eine konstruktive Diskussion kaum noch möglich ist. Wir haben die Kommentar-Funktion bei diesen Themen daher vorübergehend abgeschaltet. Selbstverständlich können Sie uns trotzdem Ihre Meinung sagen – per Facebook oder per E-Mail.

Quelle: RP
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.