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Analyse
Wir fürchten uns vor dem Falschen

Analyse: Wir fürchten uns vor dem Falschen
Durch alle unnatürlichen Todesursachen wie Unfälle, Verbrechen oder Suizid zusammen stirbt nur jeder 25. Mensch in Deutschland. FOTO: Quelle: Statistisches Bundesamt ("Todesursachen 2015"), Grafik: Weber
Am meisten fürchten wir Terror und Gewaltkriminalität, die verhältnismäßig wenige Menschenleben kosten - im Gegensatz zu Krebs, Herzinfarkten und Stürzen. Weshalb unsere Ängste so irrational sind. Von Tobias Jochheim

Der Säbelzahntiger ist ausgestorben, und das nicht erst gestern. Vor mindestens 10.000 Jahren hat es das letzte Exemplar dahingerafft, doch im menschlichen Gehirn ist das noch nicht recht angekommen. Am gefährlichsten erscheint uns nach wie vor das, wovon uns bildlich vorstellen können, dass es plötzlich und blutig unser Leben beendet. Haie zum Beispiel fürchtet fast jeder mehr als Moskitos. Dabei sterben nur zehn Menschen pro Jahr durch Haie - und 700.000 durch Moskitos, die Malaria und Denguefieber übertragen.

Für Impfungen vor Tropenreisen reicht die menschliche Vernunft zum Glück trotzdem, für Alltagsgefahren allerdings "fehlt uns leider jeder Instinkt", sagt der Risikoforscher Ortwin Renn, der das Nachhaltigkeits-Institut IASS in Potsdam leitet. Der Tod komme meist eben nicht plötzlich, sondern schleichend. Ebenso übrigens wie viele indirekte Gefahren, Altersarmut etwa oder der Klimawandel.

24 von 25 Deutschen sterben an Krankheiten, meist Krebs und Herzleiden. Und auch unter den nichtnatürlichen Todesursachen nehmen jene, an die wir sofort denken - Mord, Terrorismus, Verkehrsunfälle, harte Drogen - nur minimalen Stellenwert ein. Zu den meisten unnatürlichen Todesfällen kommt es durch Stürze im Alter und Suizide. Seit 2000 hat sich sowohl die Zahl der Verkehrstoten als auch die der bei Straftaten Getöteten halbiert. Allein: Die gefühlte Wahrheit ist eine andere.

Klarer Trend: Die Zahl der Verkehrs-, Kriminalitäts- und Drogentoten ist seit dem Jahr 2000 um je rund die Hälfte gesunken. Beinahe gleichbleibend hoch ist indes die (auch absolut große) Zahl derjenigen, die Suizid begehen. FOTO: Quelle: Statistisches Bundesamt, Grafik: Weber

Null-Risiko, absolute Sicherheit? Utopisch!

Für zwei Drittel aller vorzeitigen Tode seien die "vier großen Volkskiller" verantwortlich, betont Renn: Zu viel Alkohol und Tabak, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung erhöhen vor allem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stark. "Doch das hört eben niemand gerne. Denn daraus folgt ja, dass man das eigene Verhalten ändern müsste." Natürlich habe sich schon viel getan, gibt Renn zu. Vorbei die Zeit der millionenfachen Herzinfarkte in den 50er und 60er Jahren, als viele Deutsche weniger körperlich arbeiteten, aber ihre Ernährung nicht anpassten. Die Fitnessstudios sind voll, gesunde Ernährung liegt im Trend. Das kann man als Krönung eines aufklärerischen Impulses verstehen: Ein unausweichliches, von höheren Mächten bis ins Letzte vorgegebenes "Schicksal" gibt es nicht. Wir sind nicht ohnmächtig, wir können fast jeder Gefahr vorbeugen.

Entsprechend eifrig versuchen viele, alle möglichen Risiken zu minimieren, kaufen Versicherungen noch und nöcher auf der Jagd nach der utopischen absoluten Sicherheit, dem Null-Risiko, wild entschlossen, Max Weber zu widerlegen, der festgestellt hatte, dass Freiheit vom Risiko unmöglich sei, weil es Freiheit ohne Risiko nicht geben kann.

Dass wir eines Tages sterben müssen, ist indes unbestritten. Dem Tod, der ultimativen narzisstischen Kränkung, kann man nicht entkommen. Also schieben wir wenigstens die Verantwortung dafür Dritten zu: Blitzen oder Haien, Verkehrsrowdys, Mördern oder deren Sonderform, den Terroristen.

Tatsächlich aber sterben in Deutschland fast 15 Mal so viele Menschen durch Suizid wie durch die Straftaten Mord, Totschlag und Körperverletzung mit Todesfolge zusammen. Doch dieses Tabuthema ängstigt uns, rüttelt an den Fundamenten unseres Selbstbilds als Menschen. Und so versuchen wir, diverse Fakten zu diskreditieren, die nicht zu unserem Empfinden passen wollen. "Jeder kennt immer auch einen, der trotz Übergewicht und Kettenrauchen sehr alt geworden ist", erklärt Renn. "Der dient dann als Beweis dafür, dass die Statistik nicht stimmen könne."

Terrorismus ist ein riesiges Problem – das allerdings mit Abstand die meisten Opfer in Ländern wie dem Irak fordert. Das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 2016 war der erste islamistische Anschlag in Deutschland überhaupt mit zivilen Opfern. FOTO: Global Terrorism Database, Grafik: Weber

Unsere eigene, anekdotische Lebenserfahrung scheint uns glaubwürdiger als Statistiken. Auf die gleiche Art passen wir unser Empfinden beim Thema Terrorismus der Wirklichkeit an. Vor nichts haben die Deutschen repräsentativen Umfragen zufolge mehr Angst. Dabei wütet der islamistische Terror größtenteils in Ländern wie dem Irak, Europa hat schon weit Schlimmeres überstanden: In den 70er und 80er Jahren kosteten Attentate von Eta, RAF und IRA Tausende Menschenleben. Der islamistische Anschlag am Berliner Breitscheidplatz mit zwölf Toten 2016 ist bislang der einzige tödliche auf Zivilisten in Deutschland überhaupt.

Doch wehe dem, der darauf hinweist oder auch nur daran erinnert, dass es hundertprozentige Sicherheit nie geben kann - schon gar nicht gegen Einzeltäter, die aus einer Laune heraus zur Axt greifen oder Fußgänger überfahren.

Terror? Hierzulande ein Scheinriese

Wer dazu aufruft, Ruhe zu bewahren, gerät ins Visier der Populisten. "Dabei entschuldige ich selbstverständlich keinen Gewaltakt", sagt Renn. "Ich weise lediglich auf die Verhältnismäßigkeit verschiedener Risiken hin." Für seine Hartnäckigkeit erhielt er 2013 das Bundesverdienstkreuz, doch er kämpft gegen Windmühlen. "Überall wird Angst produziert", diagnostiziert der Pop-Philosoph Peter Licht. Ängste würden künstlich angefüttert, weil am Ende immer irgendjemand davon profitiert.

Zugleich verzweifelt Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, manchmal fast daran, wie leichtfertig viele objektiv unnötige Risiken in Kauf nehmen, indem sie etwa im Urlaub in die klapprigsten Busse steigen oder sich fröhlich per Moped in den Verkehr von Bangkok stürzen.

Unsere übersteigerte Terrorangst indes treibt eine Sicherheitsspirale an, die sich unendlich weit drehen lässt - zu astronomischen Kosten und ohne dem Nullrisiko je nahekommen zu können. Wer den Terror in Deutschland und Europa mit kühler Mathematik als Scheinriesen entlarvt, vereitelt auch den Plan der Terroristen: Sie wollen uns so irre vor Angst machen, dass wir vor lauter Verlangen nach mehr Sicherheit unsere über Jahrhunderte erkämpfte Freiheit selbst abschaffen. Wer betont, wie begrenzt die Macht der Terroristen über uns ist, verhöhnt nicht etwa ihre Opfer. Er ehrt sie mit dem Schwur: Unsere Angst bekommen die Täter nicht.

Quelle: RP
 
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