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Hermann Gröhe im Interview
"Wir müssen mehr Altenpfleger ausbilden"

Der neue Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) über sein eigenes Verhältnis zu einem gesunden Lebensstil und seine Vorhaben in der Pflege. Der 52-Jährige will ab 2015 Erleichterungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen schaffen. Von Eva Quadbeck

Hat sich Ihr persönlicher Lebensstil in Gesundheitsfragen verändert, seitdem sie als Minister für das Thema zuständig sind?

Gröhe Mein Ministeramt ist durchaus ein weiterer Ansporn dazu. Ich versuche natürlich, mich trotz aller Arbeitsbelastung vernünftig zu ernähren und für Bewegung zwischendrin zu sorgen. Von vorbildhaftem Verhalten bin ich allerdings noch weit entfernt.

In der Pflege gibt es seit Jahren einen Reformstau. Wann wollen Sie die Probleme angehen?

Gröhe Wir haben in der letzten Legisturperiode die Leistungen für Demente deutlich verbessert und werden auch jetzt schrittweise vorgehen. Ich bin aber ganz sicher, dass wir in dieser Legislaturperiode zu spürbaren Verbesserungen für alle Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen, aber auch für die Pflegekräfte kommen werden. Damit will ich schon am 1. Januar 2015 beginnen.

Was werden Sie konkret anpacken?

Gröhe Zum 1. Januar 2015 sollen flexiblere Leistungen und mehr Personal eine individuellere Pflege ermöglichen. Mit der Erhöhung des Beitragssatzes um 0,2 Prozentpunkte werden dafür 2,4 Milliarden Euro mehr zur Verfügung stehen. Mit einer weiteren Beitragserhöhung um 0,2 Prozentpunkte im Laufe dieser Legislaturperiode werden dann insgesamt fast fünf Milliarden Euro zusätzlich für die Pflege zur Verfgung stehen. Das ist ein echter Kraftakt und eine gute Nachricht für die Pflegekräfte und die Menschen, die Pflege benötigen.

Werden Sie auch den seit Jahren diskutierten neuen Begriff der Pflegebedürftigkeit einführen?

Gröhe Das ist unser erklärtes Ziel. Wir dürfen uns dabei aber nicht im Ringen um Definitionen verhaken. Die Messlatte muss sein, was beim Pflegebedürftigen selbst ankommt. Deshalb wollen wir in Modellregionen die neuen Regeln für die Pflege erproben. Es geht dabei um die Alltagstauglichkeit. Für mich gilt: Praktische Hilfe ist besser als jede schöne Definition.

Was bedeutet eine Flexibilisierung von Leistungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen?

Gröhe Was wir wirklich brauchen, ist mehr Zeit für die Pflege. Da haben die Pflegekräfte Recht, die wirklich eindrucksvolles leisten. Bislang orientiert sich die Pflege vor allem an körperlichen Beeinträchtigungen. Wir wollen aber auch psychischen oder geistigen Einschränkungen und Mehrfacherkrankungen besser gerecht werden.

Das klingt nach mehr Bürokratie.

Gröhe Im Gegenteil. Wir müssen mit den Pflegekräften vielmehr darüber reden, wo wir Bürokratie abbauen können. Nicht jede Dokumentationspflicht, die einmal Sinn gemacht hat, ist heute noch zweckmäßig. Pflegerinnen und Pfleger möchten für pflegebedürftige Menschen da sein und nicht überflüssige Formulare ausfüllen. Deshalb müssen nicht nur neue Maßnahmen, sondern auch bestehende durch einen Bürokratie- Check.

Geplant ist ja auch 0,1 Prozentpunkt Beitragssatz in eine Kapitalstock für die Zukunft der alternden Gesellschaft fließen zu lassen. Wie soll das funktionieren?

Gröhe In den nächsten 15 Jahren wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen von heute 2,5 Millionen auf dann 3,5 Millionen erhöhen. Wir wollen deshalb mit einer Beitragserhöhung von 0,1 Prozentpunkten ab 2015 mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr in einen Fonds stecken, der von der Bundesbank verwaltet wird. Damit schaffen wir eine Rücklage für die Zeit, in der die geburtenstarken Jahrgänge ins "Pflegealter" kommen und verhindern so übermäßige Beitragssteigerungen.

Was wollen Sie gegen den Fachkräftemangel in der Pflege tun?

Gröhe Hier ist sicher ein ganzes Bündel an Maßnahmen nötig. Geplant ist ,die Ausbildungszahlen in der Altenpflege bis 2015 um 30 Prozent zu erhöhen. 4000 Pflegehelfer sollen zu Fachkräften weiterqualifiziert werden. Mittelfristig am wichtigsten ist aber, die Ausbildung umfassend zu reformieren. Die Ausbildung muss überall kostenlos sein. Und wir wollen den Wechsel zwischen den Berufen in der Kinder- Kranken und Altenpflege erleichtern. Dafür sollen die verschiedenen Pflegeberufe mit einer einheitlichen Grundausbildung starten, danach erfolgt die Spezialisierung. Hier möchte ich zügig Gespräche mit den zuständigen Ländern führen.

Die Ärzte wollen statt einer Termingarantie eine dringliche Überweisung schaffen, damit Patienten, die dringend einen Facharzt brauchen auch zeitnah einen Termin erhalten. Ist das sinnvoll?

Gröhe Ich begrüße, dass von der Ärzteschaft Vorschläge kommen und damit auch anerkannt wird, dass es Handlungsbedarf gibt. Überlange Wartezeiten sind kein Einzelfall. Wir haben deshalb eine Termingarantie vorgesehen, über die eine Servicestelle wacht. Wenn die Ärzteschaft durch "dringliche Überweisungen" zur Lösung des Problems beiträgt, dann wird eine solche Servicestelle nicht viel zu tun haben. Wie beide Ideen gut ineinander greifen können, darüber will ich gerne mit der Ärtzeschaft reden.

EVA QUADBECK FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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