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Analyse
Wir sind alle Flüchtlinge

Düsseldorf. Die Weihachtsgeschichte erzählt auch von Flucht, die zu einem Grundmotiv der Bibel zählt. Alle werden damit in die Erfahrungswelt der Migration gestellt und in die Verantwortung genommen. Von Lothar Schröder

Gerade eben noch huldigten ihm drei Weise und beschenkten ihn reichlich - mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Doch schon kurz darauf findet die Geburt Jesu als Krippen-Idylle ein jähes, auch brutales Ende. Als würde das Irdische alles Überirdische zu verdrängen suchen: Herodes will Gottes Sohn töten lassen, und so bringt sich die heilige Familie im benachbarten Ägypten in Sicherheit. Auch das gehört zu Weihnachten und verwandelt die Geburtsgeschichte in eine Flüchtlingsgeschichte. Mit ihr wird das Erleben von Vertreibung und Heimatlosigkeit an Gottes Sohn exekutiert.

Wenn das Leben Jesu gleichnishaft sein soll, dann ist der biblische Flüchtling auch einer von jenen 60 Millionen Menschen, die nach Schätzung der Vereinten Nationen augenblicklich weltweit nach Asyl und einer neuen Heimat suchen. Sollte Flucht in diesem Sinne also keine Anomalie unserer Existenz sein, sondern so etwas wie eine Grunderfahrung von Leben?

Die Frage ist kein Kuriosum, zumal die Bibel insgesamt ein Buch der Flucht und Heimatlosen ist. Es beginnt bei Adam und Eva, die aus dem Paradies vertrieben werden; Abraham entkommt der Hungersnot, indem er sich nach Ägypten absetzt - als sehr früher Wirtschaftsflüchtling; Jakob und David entrinnen mit ihrer Auswanderung drohenden Attentaten, während sich das Volk Israel mit dem spektakulären Exodus aus ägyptischer Gefangenschaft ins gelobte Land aufmacht.

Die Fluchtgeschichten werden sichtbar als Grundmotive insbesondere des Alten Testaments. Es erzählt von lauter Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Unsere aktuellen Probleme werden dadurch zwar keinen Deut kleiner; doch zeigt uns auch die Bibel, dass es Flucht als Zeiterscheinung immer schon gegeben hat. Das 21. Jahrhundert gleich als Zeitalter der Migration zu beschreiben, belegt unsere Neigung, alles Gegenwärtige mit dem Siegel des Phänomens zu markieren. Dabei gehören Völkerwanderungen schon seit dem Übergang von der Antike ins Mittelalter zur Erfahrungswelt der Menschen; der transatlantische Sklavenhandel steht im Zeichen einer globalen Migration; im 19. Jahrhundert wandern Europäer massenhaft in die Vereinigten Staaten aus, wenig später folgt eine Einwanderungswelle von Industriearbeitern ins entstehende Ruhrgebiet. Und schließlich der Zweite Weltkrieg, der auch im Zeichen von Flucht und Deportation steht.

Die Welt war immer schon schlecht, könnte eine naheliegende und darum nicht sonderlich weiterführende Begründung dafür lauten. Das hört sich nach einem allzu schnellen Schlussstrich an. Wenn Migration aber - ob aus freiem Willen oder unter Zwang - eine Konstante der Geschichte ist, dann lohnt es sich darüber nachzudenken, was dies für die flüchtenden und die aufnehmenden Menschen bedeutet. Zu den vielen aktuellen Erfahrungsberichten kann man einen Text der jüdischen Philosophin Hannah Ahrendt (1906-1975) stellen, den sie unter dem Eindruck der Shoah entwickelte. In ihrem Essay "Wir Flüchtlinge" beschreibt sie das Schicksal heimatloser Menschen als den Verlust eines umfassenden Grund- und Urvertrauens: "Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle."

Erfahrungen, die Ahrendt selbst machte, die sie aber über das Autobiografische hinaus als umfassende Identitätsstörung beschreibt. Wer sich dies vor Augen führt, bewertet die störende Belegung der benachbarten Turnhalle neu.

Die Bibel weiß nicht unbedingt Rat, so wie es all die gut gemeinten Willkommensanleitungen versuchen. Dennoch gibt sie uns zu denken. "Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid Fremde gewesen in Ägypten", heißt es im zweiten Buch Mose. Und im fünften: Gott "liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung - auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen".

Das ist spannend: Die Gastgeber werden daran erinnert, selbst Flüchtlinge gewesen zu sein. Wer also über die historische Situation hinausschaut, muss erkennen, dass wir alle Flüchtlinge sind, gewesen sind und werden können. Flucht und Wanderschaft werden damit nicht kleingeredet oder romantisiert. Aber es werden alle einbezogen und damit auch in die Verantwortung für alle gestellt. Das ist eine Haltung, die zum ethischen Gebot reifen kann. Man kann dies heute, neben vielen anderen Hilfen, im sogenannten Kirchenasyl finden. Mit der bedingungslosen Gewährung von Zuflucht am Heiligen Ort - dem locus sacrum - wird eine Grenze zur profanen Welt gezogen. Eine "Willkommenskultur", die ihre Berechtigung allein aus der Barmherzigkeit zieht. Denn das Kirchenasyl ist weder in der Verfassung unseres Staates noch im Kirchenrecht verbrieft. Es geschieht berechtigt, aber rechtlos.

Ganz am Anfang der Menschwerdung Gottes steht die Flucht. Diese Erfahrung wird für Jesu zum Kriterium, wer vor dem Jüngsten Gericht als Gerechter bestehen wird: "... ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben."

Quelle: RP
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